Wissenschaft und moralische Verantwortung

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Innovationshemmende Dogmen
Die mathematische Methode

Als ich mich vor vielen Jahren anschickte, in den heiligen Stand der Ehe einzutreten, gab mir mein Vater - mit einem unübersehbaren Augenzwinkern - sinngemäß etwa folgenden Rat:

"Es ist unvermeidlich, dass zwischen Deiner zukünftigen Ehefrau und Dir hin und wieder Meinungsverschiedenheiten auftreten werden. Vereinbare deshalb mit Ihr vor der Eheschließung folgenden Vertrag:

1. Sind bei einer kontroversen Diskussion Mann und Frau GLEICHER Meinung, so erhält die FRAU Recht.

2. Sind bei einer kontroversen Diskussion Mann und Frau VERSCHIEDENER Meinung, so erhält der MANN Recht.

 

3. Beide Partner erkennen an, dass hierdurch das Prinzip der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau als gewährleistet gilt."

 

Der aufmerksame Zuhörer (Leser) wird sofort erkannt haben, dass durch diesen Vertrag der MANN stets - unabhängig von der Meinung der Frau - Recht behält!

Die MODERNE THEORETISCHE PHYSIK, die sich eine "exakte" Wissenschaft nennt, arbeitet nach dem gleichen Prinzip. Die MATHEMATIK steht stellvertretend für den MANN, das EXPERIMENT stellvertretend für die EHEFRAU:

   MATHEMATIK ======> MANN

         EXPERIMENT ======> EHEFRAU

 

 

Sie werden nun einwenden wollen, dass dies sicher eine überspitze Formulierung sei, die nur in Ausnahmefällen Geltung haben könne. NEIN! Das Gegenteil ist der Fall: In der Lehrbuch-Physik kommt dieses Prinzip nur in Ausnahmefällen NICHT zur Anwendung!

Nachweislich sind folgende physikalische Theorien in sich widersprüchlich und daher nahezu wertlos:

NEWTON-sche Gravitations-Theorie

Thermodynamik

MAXWELL-sche Elektrodynamik

Elektronen-Theorie

Relativitätstheorie

Quantentheorie

Die Ursache dieser höchst unerfreulichen Situation liegt darin, daß die allgemein als exakt anerkannte "mathematische Methode" verlangt, dass alles in logischer Weise aus dem vorhergehenden folgt. Wenn also ganz am Anfang einer wissenschaftlichen Entwicklung ein IRRTUM als "bewiesenes Faktum", als sogenanntes "NATURGESETZ" eingeführt wird, pflanzt sich der Irrtum bis in alle Ewigkeit fort. Denn infolge des vorstehend genannten PRINZIPS ist die experimentelle Überprüfung praktisch ausgeschaltet.

Sie werden nun sagen: ,,Was soll's? Wenn die Theorien nützlich sind und sich in der Praxis bewährt haben, sollte es doch gleichgültig sein, ob sie beim genauen Hinsehen Widersprüche zeigen".

Dies ist eine sehr gefährliche Überlegung! Das soll an einem ganz einfachen Beispiel klargemacht werden:

Sie kennen alle die ,,Bauernregel": ,,Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist". Es ist hier eine Aussage mit ihrem kontradiktorischen Gegenteil durch eine ODER-Verknüpfung verbunden mit der Folge, dass die ,,Regel" immer stimmt, obwohl kein kausaler Zusammenhang mit dem Hahnenschrei und/oder dem Mist gegeben ist. Eine weitere Folge ist, dass keinerlei Voraussage möglich ist, da alle Eventualitäten in der ,,Regel" enthalten sind. Lediglich im Nachhinein stimmt immer alles.

Zwar werden immer wieder sogenannte "experimentelle Überprüfungen" durchgeführt, aber immer dann, wenn das Experiment den mathematisch "prophezeiten" Aussagen widerspricht, erklärt der Theoretiker mit mühsam unterdrückter Arroganz: "Ja, wenn das so ist, dann müssten Sie als Experimentator doch einen Fehler in meinem mathematischen Konzept nachweisen können." Da der Experimentator aber im allgemeinen nicht so vertraut ist mit mathematischen Methoden und TRICKS, muss er in der Regel klein beigeben. Sollte er dennoch einmal aufbegehren, so wird er einfach lächerlich gemacht. Eine fast regelmäßig mit großem Erfolg praktizierte Methode.

Es erhebt sich nun die FRAGE:

"Wo wurde zu Beginn der MODERNEN PHYSIK ein IRRTUM als bewiesenes Faktum, als sogenanntes Naturgesetz eingeführt?"

Die ANTWORT lautet:

"Schon zu GALILEIs Zeiten wurde das sogenannte FALLGESETZ, das lediglich eine idealisierte mathematische Zuordnung beschreibt, von unkritischen Schülern Galileis fälschlich zu einem NATURGESETZ erklärt, welches von GALILEI experimentell BEWIESEN sei."

GALILEI nämlich setzte - entgegen der natürlichen Erfahrung - als AXIOM fest: "Alle Körper fallen (im luftleeren Raum) gleich schnell." Experimentell konnte er das natürlich nicht beweisen, da ihm die Mittel zur Herstellung eines geeigneten VAKUUMS fehlten. Also beschränkte er seine Experimente auf spezifisch SCHWERE Körper, bei denen der Luftwiderstand weitgehend vernachlässigt werden konnte.


Die fünf grundlegenden Dogmen  

 

 

Während nun bei GALILEI die IDEALISIERUNG als grundlegende Methode einer neuen Wissenschafts-Auffassung diente, wurde diese von einzelnen seiner Schüler vollkommen missverstanden. Es wurde fälschlich gefolgert: "Naturgesetze sind grundsätzlich mathematisch formulierbar." Dieser Gedanke wurde von nun an als DOGMA in die Naturwissenschaften eingeführt. Und damit sind wir bereits beim eigentlichen Thema! Dieses erste innovationshemmende DOGMA kann auch wie folgt ausgesprochen werden:

Erstes DOGMA:

"Der Glaube an die Unfehlbarkeit der Mathematik"


Man kann im Zusammenhang mit diesem ersten DOGMA zwei Gruppen von Wissenschaftlern unterscheiden:

1. GRUPPE: Diese Wissenschaftler glauben echt an die Unfehlbarkeit der Mathematik und lassen sich auf diese Weise mit einfachen mathematischen Tricks beliebig manipulieren.

2. GRUPPE: Diese Wissenschaftler nutzen die Gutgläubigkeit der Anhänger der ersten Gruppe in schamloser Weise aus, um ihre Machtposition in der Wissenschafts-Hierarchie zu errichten und zu festigen.

Im allgemeinen ist es nicht ganz einfach zu entscheiden, ob ein Wissenschaftler der ersten oder der zweiten Gruppe angehört.

Mit dem "Glauben an die Unfehlbarkeit der Mathematik" eng verknüpft ist nun ein zweites DOGMA, wie sich aus den vorhergehenden Überlegungen unschwer ergibt:

Zweites DOGMA:

"Der Glaube an die Unfehlbarkeit des Experiments"


Dieses zweite DOGMA bedarf noch einer zusätzlichen Erläuterung:

Da theoretische Formulierungen von Erscheinungen der realen Natur - wegen der unübersehbaren Vielfalt tatsächlich möglicher Einflussgrößen - lediglich IDEALISIERUNGEN sein können, stellen die zur Naturbeschreibung verwendeten mathematischen Formeln stets NÄHERUNGEN dar. Eine experimentelle Überprüfung kann daher nur feststellen, in welchem ANWENDUNGSBEREICH eine solche Formel eine vorgegebene GENAUIGKEITSFORDERUNG erfüllt.

Deshalb ist es auch vollkommener Unsinn, nach einer WELTFORMEL zu suchen. Eine solche Suche wird besonders in populärwissenschaftlichen Büchern immer wieder mit unhaltbaren Argumenten diskutiert. Vor allem ist es fast immer unzulässig, zwei oder mehr Näherungsformeln der genannten Art in ein übergeordnetes theoretisches Konzept einzubeziehen. Denn in aller Regel gehen die verwendeten Näherungsformeln von unterschiedlichen, nicht miteinander verträglichen Prämissen aus.

Dies ist eine Erkenntnis, die in der Technik UNBEWUSST schon seit langem zur Anwendung kommt. In der Physik ist diese Erkenntnis aber erst vor wenigen Jahren zögernd zum Bewusstsein gekommen und man versucht krampfhaft, dieses zu vertuschen. Hier können wir nun auf eine sehr wichtige Rede von Sir Karl R. POPPER hinweisen, die am 28. Juli 1982 im Zweiten Österreichischen Fernsehen (ORF 2) ausgestrahlt wurde. In dieser Rede heißt es u. a. (auszugsweises Zitat nach einem Tonband-Mitschnitt):

 

 

"Der alte Imperativ für den Intellektuellen ist: Sei eine Autorität. Wisse alles in Deinem Gebiet. Wenn Du einmal als Autorität anerkannt bist, dann wird Deine Autorität auch von Deinen Kollegen beschützt werden und Du musst natürlich Deinerseits die Autorität Deiner Kollegen beschützen. Ich brauche kaum zu betonen, dass diese alte, PROFESSIONELLE ETHIK immer schon intellektuell unredlich war. Sie führt zum Vertuschen der Fehler um der Autorität willen.

Auch in den am besten bewährten unter unseren Theorien können Fehler verborgen sein. Und es ist die spezifische Aufgabe des Wissenschaftlers, nach solchen Fehlern zu suchen. Die Feststellung, daß eine gut bewährte Theorie oder ein viel verwendetes praktisches Verfahren fehlerhaft ist, kann eine wichtige Entdeckung sein.

Wir müssen deshalb unsere Einstellung zu unseren Fehlern ändern. Es ist hier, wo unsere praktische ETHISCHE REFORM beginnen muss.

Denn die alte, berufsethische Einstellung führt dazu, unsere Fehler zu vertuschen und zu verheimlichen und so schnell wie möglich zu vergessen.

Das neue Grundgesetz ist, dass wir - um zu lernen, Fehler möglichst zu vermeiden - gerade von unseren Fehlern lernen müssen. Fehler zu vertuschen ist daher die größte intellektuelle Sünde.

Wir müssen uns klar werden, dass wir andere Menschen zur Entdeckung und Korrektur von Fehlern brauchen und sie uns. Insbesondere auch Menschen, die mit anderen Ideen in einer anderen Atmosphäre aufgewachsen sind. Auch das führt zu Toleranz.

Wir müssen lernen, dass Selbstkritik die beste Kritik ist, dass aber die Kritik durch andere eine Notwendigkeit ist. Sie ist fast ebenso gut wie Selbstkritik.

Rationale Kritik muss immer spezifisch sein. Sie muss spezifische Gründe angeben, warum spezifische Aussagen, spezifische Hypothesen falsch zu sein scheinen oder spezifische Argumente ungültig. Sie muß von der Idee geleitet sein, der objektiven Wahrheit näher zu kommen. Sie muss in diesem Sinne unpersönlich sein." (Ende des auszugsweisen Zitats)

 

 

Die Notwendigkeit, unsere Einstellung zu unseren Fehlern zu ändern, geht auch aus dem Buch von HEISTER (1991) hervor. Dort heißt es in einem Beitrag von BINNIG (Zitat von Seite 30):

 

"Auch sollte man zu den FEHLERN EIN NATÜRLICHES VERHÄLTNIS bekommen und einfach wissen, wie notwendig sie sind. Wir müssen den Narren in uns herauslassen, um kreativ zu sein. Das kann schmerzhaft sein, denn man kann sich blamieren. Die Fähigkeit, sich blamieren zu können, erwirbt man sich allerdings nur durch praktische Blamage. Sobald man kreativ sein will, gehört es zum System, Irrwege zu gehen und "Unsinn" zu produzieren. Dies fördert nicht gerade das persönliche Image. Zu leicht kann man der Versuchung erliegen, dem Image immer gerecht werden zu wollen. Damit stirbt die Kreativität. Wir sollten erkennen, dass ein Fehler weder gut noch schlecht ist. Er ist einfach notwendig, wenn ich kreativ sein will. Unser verkrampftes Umgehen mit Fehlern hängt sicherlich mit unserer Erziehung oder Ausbildung zusammen und lässt sich eher als ein kollektives Phänomen beschreiben." (Ende des Zitats)

 

 

In gleicher Richtung zielen auch die Ausführungen von Dr. Ida Fleiß in demselben Buch von HEISTER (Zitat von Seite 35/36):

"Wo lernen Kinder und Jugendliche heute, Probleme zu erkennen, komplexe Probleme zu analysieren, Lösungen durchzuspielen und die richtige Lösung zu finden? Wo lernen sie, auf spielerische Art und Weise auch Fehler zu produzieren, um daraus zu lernen? Wo lernen sie, eigene Fähigkeiten mit denen anderer zu kombinieren, um so zu noch besseren Problemlösungen zu gelangen? Wo lernen sie Problemlösen? Wo lernen sie beim Problemlösen Kooperation statt Konkurrenz?

Aber es geht noch weiter:

Was nützt es, wenn Schule und Verein solche Fähigkeiten fördern und kooperatives, verantwortungsbewusstes, kreatives Verhalten schulen, wenn dann im Berufs- und Arbeitsfeld entsprechende Möglichkeiten fehlen? Wenn Querdenken bestraft wird, Fehler angekreidet werden und statt dessen rücksichtsloser Ehrgeiz und Konkurrenz erwünscht sind?

Eine neue soziologische Untersuchung hat ergeben, dass der junge Mitarbeiter von heute mehr Wert darauf legt, auch kreativ arbeiten zu können, mehr gemeinsame Initiativen entwickeln und auch schon mal Fehler machen zu dürfen, ohne dass ihm eine schlechte Beurteilung die Karriere verbaut.

Dies passt eigentlich gut in das Bild der neuen Unternehmenskultur. Aber - gibt es sie wirklich oder ist sie nur ein Gerede?" (Ende des Zitats)

 

 

Aus der auszugsweise zitierten Rede POPPERs werden zwei weitere DOGMEN der Naturwissenschaften deutlich:

Drittes DOGMA:

"Der Glaube an die Unfehlbarkeit der Autorität"

Viertes DOGMA:

"Der Glaube an die Aufrichtigkeit des Wissenschaftlers"


Wir möchten gleich noch ein weiteres DOGMA anführen.

Fünftes DOGMA:

"Der Glaube an die Entbehrlichkeit der Philosophie"

 

Dieses fünfte DOGMA scheint uns die größte Bedeutung zu haben. Denn neuere Erkenntnisse der Philosophie, die teilweise schon vorstehend kurz angesprochen wurden, besagen (vgl. insb. THÜRING 1967a;

THÜRING 1967b; KUHN 1983, KUHN 1984, FRIEBE 1988, FRIEBE 1989, SCHMIDT 1988)

 

 
1. Es gibt KEINE Naturkonstanten

2. Die Suche nach einer WELTFORMEL ist wissenschaftlicher Unsinn

3. Es gibt KEINE Naturgesetze in mathematischer Formulierung

4. Mathematische Formeln zur Naturbeschreibung sind stets NÄHERUNGEN

5. Das Zusammenführen von zwei oder mehr als zwei NÄHERUNGEN gemäß
    Ziffer 4. führt in aller Regel zu einer "Theorie" mit inneren Widersprüchen

6. Eine "Theorie" mit inneren Widersprüchen gemäß Ziffer 5. ist in aller Regel
    unendlich vieldeutig

7. Eine unendlich vieldeutige "Theorie" gemäß Ziffer 6. ist NICHT experimentell
    überprüfbar

8. Jede NÄHERUNG gemäß Ziffer 4. bedarf einer "EXHAUSTION", d.h.
    einer Eingrenzung, in welchem ANWENDUNGSBEREICH eine solche
    Näherung eine vorgegebene GENAUIGKEITSFORDERUNG erfüllt.

 

 

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