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Ekkehard Friebe Ekkehard Friebe ist männlich
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Re: Popper / Lorenz: ,,Die Zukunft ist offen?? Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       IP Information Zum Anfang der Seite springen

20. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Von den Stoikern zu Popper? von den Seiten 77, Absatz 2, bis 80, Absatz 2:



Zitat:


2. Tag:
Die drei Welten
(Karl R. Popper, Irene Papadaki, Franz Seitelberger, Marianne Fillenz, Gerhard Vollmer)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Von den Stoikern zu Popper

Papadaki: Platons Welt der Ideen oder Formen ist ein Reich von ewigen, wahren, immateriellen Dingen. Sie sind begriffliche Entit?ten; sind objektiv: nicht Vorstellungen in unserem Geist, auch nicht Vorstellungen Gottes. Sie geh?ren auch nicht der Sprache an, obwohl sie sozusagen verdinglichte, aber immaterielle Begriffe sind. Sie sind eben Ideen wie Gerechtigkeit oder Sch?nheit. Sie existieren vor der Sch?pfung der materiellen Welt. Platon betrachtet sie als Urtypen: als Modelle der Struktur der Welt. Er verwendet sie, um die Struktur und die Genese der Welt zu erkl?ren. Sie spielen auch eine Rolle in Platons Geschichtstheorie. Man sieht sehr klar, da? diese Welt der Platonischen Ideen von Poppers Welt Drei sehr verschieden ist. Ihre Analogie mit der Welt Drei besteht im wesentlichen nur darin, da? sie einer abstrakten Welt angeh?ren, die zu den beiden konkreten Welten, der Welt Eins und der Welt Zwei, dazukommt. Ein wichtiger Unterschied ist, da? Poppers Welt Drei aufs engste mit der menschlichen Sprache zusammenh?ngt. Ganz im Gegensatz zu Platons Welt der Ideen ist die Welt Drei ein menschliches Produkt; und sie entwickelt sich in Wechselwirkung mit dem menschlichen Geist.

Platons Ideenlehre wurde von Aristoteles kritisiert, insbesondere wegen ihres ?u?er-empirischen Charakters. Aristoteles versuchte die logischen Schwierigkeiten der Ideenlehre zu vermeiden. Das f?hrte ihn dazu, sein erkenntnistheoretisches Interesse auf die Welt Zwei zu konzentrieren und damit einen Subjektivismus in die Erkenntnistheorie einzuf?hren. Das Wissen war f?r ihn ein Zustand des Subjekts - eine Art Union des wissenden Subjekts mit dem gewu?ten Objekt, im sch?rfsten Gegensatz zu Poppers Theorie des objektiven Wissens. Aristoteles ist also der Vater der subjektivistischen Richtung in der Erkenntnistheorie, die bis zu Bolzano fast alleinherrschend war.

Eine ganz andere Reaktion auf Platons Ideenlehre und eine Richtung, eine Theorie, die mehr mit Bolzano, Frege und Popper ?bereinstimmt, kann in der Lehre der stoischen Schule der Philosophie gefunden werden, im hellenistischen Zeitalter. Die Schwierigkeit mit dieser stoischen Theorie liegt darin, da? nur fragw?rdige Berichte ?ber die Autoren und nur wenige und meistens fragmentarische Zitate von den Autoren selbst erhalten sind. Unser Wissen ?ber diese Lehre der Stoiker kommt sogar zum gro?en Teil aus Berichten ihrer philosophischen Gegner ? und die philosophische Gegnerschaft war damals fast so bitter wie heute.

Soweit wir die stoische Lehre rekonstruieren k?nnen, finden wir eine sehr interessante, subtile und geistreiche Theorie: die Theorie einer objektiven Erkenntnis. Die Stoiker scheinen zwischen einer subjektiven und einer objektiven Erkenntnis unterschieden zu haben; und - was wichtig ist - sie haben die objektive Erkenntnis ganz realistisch als eine sprachgebundene, von Menschen erschaffene Erkenntnis erfa?t. Dar?ber hinaus betonen sie die Wichtigkeit der S?tze oder Aussagen, im Gegensatz zu den Begriffen. Das f?hrt sie dazu, eine sehr originelle Aussagen-Logik zu entwickeln. Was Bolzano die ?S?tze an sich? nennt und Frege den Gedanken oder den Inhalt der S?tze, das nannten die Stoiker das Lekton. (Das ist ein altgriechisches Wort -- Heinrich Gomperz ?bersetzte ?Lekton? mit ?Aussageinhalt?.)

Die ?hnlichkeit der stoischen Lehre mit der Lehre Poppers ist schlagend. Aber es gibt nat?rlich Unterschiede. Was wir zum Beispiel in der stoischen Lehre -- soweit wir sie rekonstruieren k?nnen - nicht explizit finden, ist der Evolutionscharakter der Welt Drei und insbesondere die Idee der starken Wechselwirkung zwischen den drei Welten. Aber indirekt und sogar im Bezug auf ihre Kosmologie und Anthropologie k?nnte man auf eine Lehre vom Wachstum des Wissens schlie?en. Die Stoiker betonen sogar die gro?e Wichtigkeit der Attribute ?wahr? und ?falsch?, und sie erkl?ren, da? die Attribute ?wahr? und ?falsch? nicht auf Bewu?tseinsvorg?nge anwendbar sind, sondern nur auf sprachliche Aussagen. - Die ber?hmte Logos-Lehre von Heraklit kann, wie ich vermute, auch im Sinne einer Welt-Drei-Lehre verstanden werden. Heraklit war sich der Bedeutung der menschlichen Sprache f?r die Naturgesetzlichkeit der Welt bewu?t. Sicher ist, da? er den problematischen Charakter jedes Wahrheitsanspruches klar erkannt hat und da? er damit das Wahrheitsproblem in den Mittelpunkt des Problems der Erkenntnis r?ckte. Das f?hrte ihn als ersten dazu, der Sinneswahrnehmung zu mi?trauen und zu betonen, da? wir aktive Sucher sein m?ssen, wenn wir finden wollen. Sein Text zeigt die gegens?tzlichen M?glichkeiten, die in der Deutung der Sprache liegen, und die Mehrdeutigkeit der Sprache und damit das Problematische in jeder Sprache und die Notwendigkeit, uns vor den M?glichkeiten der Sprache in acht zu nehmen: Unsere Beziehung zur Sprache mu? eine wachsame, eine aktive, eine forschende Beziehung sein.

Popper: Frau Papadaki hat vor allem auf die stoische Lehre hingewiesen, die so viele ?hnlichkeiten mit meiner Theorie der Welt Drei hat. Man mu? also wohl sagen, da? an meiner Theorie nur wenig Neues ist. Das einzige vielleicht wirklich Neue an meiner Theorie ist, da? ich sie mit dem Darwinismus in Verbindung gebracht habe. Das hei?t, ich sehe in der Darwinischen Evolution des Menschen ein gewisses Stadium als entscheidend an, n?mlich die Erfindung der menschlichen Sprache, die eben schon in gewissem Sinn von den Stoikern beschrieben wurde - nicht als Darwinische Erfindung, sondern einfach als etwas Neues in der Welt. Das ?Lekton? ist das, was die Sprache beschreibt - also der Aussageinhalt, wie es Gomperz genannt hat. Nun, warum nenne ich diesen Aussageinhalt den Kern der Kultur, den Kern der Welt Drei? Ich glaube, da? in der menschlichen Entwicklung Werkzeuge sehr wichtig sind, aber das einzige Werkzeug, das uns angeboren ist, ist nicht vielleicht der Stock, wie man eine Zeitlang geglaubt hat, als alle M?nner St?cke getragen haben, sondern das ist eben die Sprache. Sie ist ungeheuer wichtig f?r unsere Pers?nlichkeit, f?r die Welt Zwei, f?r unser geistiges Leben. Aber sie ist etwas Objektives, wie ein Instrument, wie ein Werkzeug. Sie ist etwas Objektives; und als solches begr?ndet sie das, was ich Welt Drei nenne, n?mlich die Welt der objektiven Produkte des menschlichen Geistes.

Das Verh?ltnis zwischen unseren Erlebnissen und unserem K?rper, vor allem unserem Gehirn, ist im Deutschen bekannt als das Leib-Seele-Problem. Es ist ein ungeheuer schwieriges Problem. Ich habe mit meinem Freund Eccles ein Buch geschrieben. In diesem Buch sage ich am Anfang ganz klar: Das Buch bietet keine L?sung des Leib-Seele-Problems, ich zweifle, ob es eine L?sung dieses Problems gibt. Ich biete keine L?sung an, das sage ich ausdr?cklich. Viele Leute haben nicht gesehen, da? das dort steht, und dann haben sie entdeckt: Das Buch enth?lt keine L?sung des Leib-Seele-Problems! Nat?rlich nicht. Aber es ?ndert das Leib-Seele-Problem ein wenig. Und zwar dadurch, da? es diese Welt Drei hineinbringt. Meine These ist, da? unser menschlicher Geist sich nicht nur in Wechselwirkung mit dem Gehirn befindet, sondern in Wechselwirkung mit seinen Produkten -- vor allem mit der Sprache. Indem wir sprechen lernen, lernen wir auch, unsere Seele zu ?ndern, wir lernen vor allem, da? wir ein Ich sind, dadurch, da? wir mit anderen Ichs sprechen. In der Wechselwirkung, in der Interaktion mit anderen Menschen und mit der Sprache, darin liegt, wie ich versucht habe zu zeigen, ein Teil des spezifisch menschlichen Bewu?tseins, im Gegensatz zum tierischen Bewu?tsein.

(Zitatende)





Beste Gr??e Ekkehard Friebe


(Fortsetzung folgt)

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21. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Das Hirn - eine Hypothese, die Hypothesen produziert?
von den Seiten 80, letzter Absatz, bis 85, Absatz 1:



Zitat:


2. Tag:
Die drei Welten
(Karl R. Popper, Irene Papadaki, Franz Seitelberger, Marianne Fillenz, Gerhard Vollmer)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Das Hirn - eine Hypothese, die Hypothesen produziert

Seitelberger: Es war gestern davon die Rede, da? man den Lebensproze? als ein aktives Vorbringen von Hypothesen ?ber das Verhalten in der Welt auffassen kann, von Hypothesen, die sich bew?hren oder die widerlegt werden und auf diese Weise die Evolution in Gang halten. Dieses hypothetische Verhalten wird von den h?heren Lebewesen durch das Gehirn gesteuert und man kann in dieser Hinsicht sagen, da? das Gehirn eine evolution?r erworbene Theorie der Natur ist. Die Besonderheit beziehungsweise Einmaligkeit des menschlichen Gehirns besteht nun darin, da? es nicht nur eine an die Natur gerichtete Theorie oder Hypothese ist, durch sein blo?es So-Sein und Wirken, sondern da? es selbst Hypothesen und Theorien in die Welt setzt, aktiv produziert und aktualisiert. Diese entscheidende Hirnfunktion hat zwar bestimmte Voraussetzungen in der Evolution, sie erfolgt aber nicht mehr in einem biologischen, sondern in einem kulturellen Proze?, eben in der Popperschen Welt Drei. Im folgenden m?chte ich zur Dreiwelten-Theorie vom Standpunkt der Hirnforschung Stellung nehmen und insbesondere die neurobiologischen Voraussetzungen der Welt Drei, der Welt der geistigen Produkte, diskutieren.

Bei der wissenschaftlichen Beschreibung des Gehirns mu? davon ausgegangen werden, da? es sich um ein unteilbares Organ handelt, dessen Gesamtfunktion in die reale Existenz des Individuums integriert ist. Mit anderen Worten, man darf den Menschen nicht nur auf sein Gehirn, auch wenn es sein menschlichstes Organ ist, reduzieren. Wir m?ssen andererseits aber analytisch am Gehirn drei verschiedene Ebenen unterscheiden und mit verschiedenen Methoden untersuchen. Zun?chst das Organ Gehirn: Es hat nat?rlich eine Evolution, und zwar eine ?beraus bemerkenswerte Entwicklung und eine komplizierte Anatomie, also physikalische und chemische Daten seines Bestehens und Lebens. Sie entsprechen im wesentlichen denen anderer K?rperorgane, haben aber gewisse Besonderheiten.

Zur Funktionsstruktur des Gehirns: Die Beziehung zwischen Funktion und Struktur im Gehirn entspricht der Art eines Systems, eines Systems im technischen Sinn, das hei?t einer zu einer Funktionseinheit verschalteten Mannigfaltigkeit von Teilen, das der Informationsverarbeitung zur Steuerung des Verhaltens dient. Die eigentliche Funktion dieses Systems, das von organischen T?tigkeiten getragen wird, liegt aber in den Informationsverarbeitungsprogrammen, das hei?t in den raumzeitlichen dynamischen Mustern von nerv?sen Erregungen. Diese Informationsverarbeitungsprogramme k?nnen gut mit der ?Software? eines Datenverarbeitungssystems technischer Art verglichen werden.

Man darf aber das Gehirn nicht auf einen Computer reduzieren. In dieser Hinsicht sind die Gehirnprozesse daher nicht Welt-Eins-Objekte, sondern besitzen eine funktionale Realit?t, eben die der Information. Ein geringer Teil dieser Prozesse ist begleitet vom Bewu?tsein, genauer, gewisse Resultate der Informationsverarbeitung im Gehirn kommen zum Bewu?tsein: Wahrnehmungen, Gef?hle, Bestrebungen. Das Bewu?tsein aus dieser Sicht ist eine subjektive Innenseite, eine Innerung unseres Verhaltens. Es besitzt keine substantielle Realit?t, sondern es handelt sich um eine Qualit?t der Gehirnarbeit, die auf einer bestimmten Komplexit?tsstufe des Gehirnorgans auftritt.

Die Beziehungen von Gehirn und Bewu?tsein, also das Leib-Seele-Problem, m?chte ich hier nur aus dem einen Aspekt behandeln, da? es zwischen den subjektiven Bewu?tseinsph?nomenen und der materiellen Gehirnarbeit keine kausalen oder Identit?tsbeziehungen gibt: Es besteht vielmehr eine Interdependenz und Komplementarit?t. Das Bewu?tsein liefert uns aufgrund einer Auswahl, deren Kriterien uns nicht bekannt sind, einen f?r das Individuum relevanten Weltbericht, in dem Objekte, Orte und Ereignisse die entscheidende Rolle spielen. In der geschilderten Art kommt das Bewu?tsein den Menschen und auch den Tieren, zumindest den h?heren Tieren zu. F?r die h?heren menschlichen Hirnleistungen aber gen?gt dieses Bewu?tsein nicht: Sie setzen ein anderes Funktionsniveau voraus, n?mlich eine Reflexionsstufe, die wir als Selbstbewu?tsein bezeichnen. Um Selbstbewu?tsein kurz zu charakterisieren, kann man sagen, es handelt sich um die innere Wahrnehmung des Lebewesens nicht nur in seiner Welt, die w?rde dem Bewu?tsein entsprechen, sondern auch gegen?ber der Welt.

Im Selbstbewu?tsein erf?hrt man die Welt und dazu sich selbst als ein Objekt der Welt und ist sich zugleich der subjektiven Erfahrungsweise und der eigenen Existenz bewu?t: also eine doppelte Reflexion, ein dualer Erfahrungsmodus der einen ungeteilten Existenz des Individuums. Diese duale Erfahrung des Selbstbewu?tseins hat nat?rlich evolution?re Bedingungen, einmal in der Komplexit?t des Gehirns, insbesondere in der Entwicklung der Gro?hirnrinde, und funktionsm??ige Voraussetzungen: etwa der weite und komplette Erfahrungshorizont des Menschen, der nicht nur die gesamte Umwelt, soweit sie uns durch die Sinne vermittelt wird, umfa?t, sondern auch unsere Eigenwelt einschlie?lich der Triebregungen, die damit auch der Verhaltenskontrolle unterworfen werden. Es ist ferner die Gegenstandswahrnehmung und in Verbindung mit ihr die M?glichkeit, vermittels des entwickelten Zeitsinns Verl?ufe von Prozessen in der realen Welt zu registrieren: dazu weiters die unerh?rte Erh?hung der Lernf?higkeit im Sinn der Einverleibung von Wirklichkeitsstrukturen und ihre Verf?gbarkeit f?r das Verhalten in Verbindung mit dem Ged?chtnis. Diese Reproduktionsf?higkeit von fl?chtigen Erlebnisspuren ist auch die Voraussetzung der zeitlichen Identit?t, der Geschichtlichkeit der menschlichen Person. Die Perfektion der Gegenstandswahrnehmung bezieht sich auch auf den eigenen K?rper, dessen Repr?sentation im K?rperschema unglaublich genau und komplett ist, wobei besonders die Schmerzerfahrung ein wichtiges Moment f?r den individuellen Selbstbezug darstellt.

Zu den Funktionsprodukten des Gehirns: Der Leistungspotenz des Menschengehirns entspricht eine besondere Klasse von Leistungsprodukten. Durch die Steigerung der Hirnleistung ist es n?mlich m?glich, und das ist das Entscheidende, nicht nur passende Realmodelle als Hypothesen ?ber Welt zu entwickeln, sondern auch Modelle m?glicher Realit?t, also Modell-Objekte. Hier wird auf einmal aus der Reproduktion und Nachbildung der Welt eine Kreation von m?glicher Welt, im Sinn des Verm?gens der Vorstellungskraft, einschlie?lich der Projektion m?glicher, gew?nschter oder erwarteter, eventuell bef?rchteter Verl?ufe von Realsituationen in die Zukunft. Diese Vorstellungskraft nun ist engstens verbunden mit der Sprache, genauer mit der Sprachf?higkeit, die unser Gehirn besitzt, womit es m?glich war, in der menschlichen Geschichte Sprechen zu erlernen. Sprechen bedeutet, da? die komplexen vorher geschilderten Informationsverarbeitungsprodukte, etwa das Erregungsmuster eines Objektes, eines Ereignisses, einer bestimmten ?rtlichen Situation, da? diese Produkte nun eine v?llig neue Kodierung ?ber der komplexen neurophysiologischen Signalkodierung erhalten, in denen diese Komplexe unglaublich vereinfacht, simplifiziert werden, aber gleichzeitig f?r ganze Objektgruppen im Sinn symbolischer Repr?sentation eintreten k?nnen. Erst damit ist Denken, Planen, Handeln und das Ged?chtnis in der menschlichen Perfektion m?glich; weiters auch die Realisation von sprachlich formulierten Vorstellungsgebilden im Sinn der Erzeugung von Werkzeugen oder Produkten der Technik.

Dieser Welt der sprachlich markierten Gehirnleistungsprodukte entspricht die Welt Drei, das hei?t die Summe und die Ordnung der externalisierten, autonomen Wirklichkeits?quivalente aus der Gehirnproduktion, die von ihrem Tr?gerorgan entkoppelt eine eigene Realit?tsschicht bilden, und zwar eine Schicht von funktionaler metaorganischer Realit?t, die v?llig eigene Organisationen formiert und eigene Entwicklungslinien aufweist, die insgesamt das ausmachen, was wir als Kultur bezeichnen. Es ist wie gesagt eine Realit?tsform funktionaler Art, jedoch mit vielerlei Realisationspotenzen. Die Welt-Drei-Objekte k?nnen sein Gedanken im Bewu?tsein, von Gehirnprozessen getragen, von Gro?hirnmodulen bearbeitet; ihre Summe beziehungsweise ihre autonomen Konstrukte bilden das, was man im strengeren Sinn als Erkenntnis zu bezeichnen hat. Sie realisieren sich aber auch in Institutionen, in Artefakten, in Ordnungen aller Art, in Kunstwerken, Musik, B?chern und in den Produkten der Technik, die wieder eine zweite reale Natur aus Welt-Drei-Konzepten schaffen, jene Sekund?rnatur, die uns derzeit haupts?chlich zu schaffen macht. F?r die Gestaltungsprozesse der Kultur ist die Evolution nicht mehr ma?gebend, zumindest nicht in geschichtlichen Zeiten, sie sind von der Evolution abgehoben: Kultur ist ein postevolution?res Produkt, deren Verlaufsweise die Geschichte ist, die zwar mancherlei Parallelen zum biologischen Evolutionsproze? besitzt, aber von ihm doch in kritischer Weise unterschieden werden mu?.

(Zitatende)





Beste Gr??e Ekkehard Friebe


(Fortsetzung folgt)

06.06.2008 13:13 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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22. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Hirn macht Sprache, Sprache macht Hirn?
von den Seiten 85, Absatz 2, bis 86, Absatz 1:



Zitat:


2. Tag:
Die drei Welten
(Karl R. Popper, Irene Papadaki, Franz Seitelberger, Marianne Fillenz, Gerhard Vollmer)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Hirn macht Sprache, Sprache macht Hirn

Kreuzer: Vielleicht zum Aspekt der ?berlappung der beiden Evolutionen: Eine der wichtigsten Vermutungen der Drei-Welten-Theorie zielt ja darauf, da? sich das menschliche Hirn die Anf?nge der Sprache gemacht hat, da? aber die Sprache in ihren Anf?ngen dann eigentlich erst das Hirn des Homo sapiens gemacht hat, also da? hier eine R?ckwirkung stattgefunden hat, und zwar eine ?u?erst schnelle, in einer ganz kurzen Abfolge von wenigen Jahrzehntausenden.

Seitelberger: Ein ganz entscheidender Vorgang der Evolution, den ich hier nicht behandelt habe, ist der, da? mit der Aufrichtung des K?rpers, zu einem Zeitpunkt, wo das Gehirn noch sehr klein war, die Hand und der Mund freigesetzt wurden von den bisherigen Aufgaben der Fortbewegung und des Fressens, der Besch?ftigung mit der Beute. Dadurch sind unglaubliche Aktionsm?glichkeiten freigesetzt worden, die einen, wie die Evolutionisten sagen, kolossalen Selektionsdruck geschaffen haben. Weil von der Hand die Rede war, so m?chte ich die ganz entscheidende Bedeutung der Hand f?r das Erkennen betonen -- es spiegelt sich ja im deutschen Wort ?begreifen? wider. Kant hat in sehr tiefsinniger Weise die Hand als das ??u?ere Denken? bezeichnet. Ich glaube, besser kann man das nicht charakterisieren. Und der Mund wurde nat?rlich frei f?r die Kommunikation, die emotionelle Kommunikation mittels des Ausdrucks, und schlie?lich f?r die Sprache. Und die Sprache als Verst?ndigung ?ber Realit?t -- nicht als Warnrufe, Interjektionen, emotionale Kontakte, wie in der Sprache der Tiere, sondern ?ber Realit?tssituationen, ?ber die dann auch argumentiert werden kann.

(Zitatende)





Beste Gr??e Ekkehard Friebe


(Fortsetzung folgt)

08.06.2008 12:04 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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Re: Popper / Lorenz: ,,Die Zukunft ist offen?? Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       IP Information Zum Anfang der Seite springen

23. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Nicht Substanzen, sondern Wechselwirkungen?
von den Seiten 86, Absatz 2, bis 87, Absatz 1:



Zitat:


2. Tag:
Die drei Welten
(Karl R. Popper, Irene Papadaki, Franz Seitelberger, Marianne Fillenz, Gerhard Vollmer)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Nicht Substanzen, sondern Wechselwirkungen

Popper: Mich interessiert vor allem, wo unsere Unterschiede liegen. Ich m?chte zun?chst zeigen, da? sie sicher nicht im Substantiellen liegen, da? das Bewu?tsein keinen substantiellen Charakter hat. Ich habe das immer sehr betont, ja ich habe geradezu betont, da? die moderne Physik uns gelehrt hat, da? auch die Materie keinen substantiellen Charakter hat. Die ganze Idee der Substanz ist durch die Entwicklung der modernen Physik mehr oder weniger in nichts zerflossen. Ein Feld hat keine Substanz, ein Feld besteht aus gerichteten abstrakten Kr?ften: An jedem Punkt des Feldes ist eine solche Kraft. Nun, schon der Kraftbegriff, den ja Newton eingef?hrt hat, wurde von den Materialisten als ein okkulter Begriff abgelehnt. Mit Recht, denn er ist kein materieller Begriff mehr. Alles das hat sich mehr und mehr verfl?chtigt. Einstein hat von ?Gespensterfeldern? gesprochen, und es gibt hier in Wien Experimente ?ber Neutronen, in denen diese Gespensterfelder festgestellt wurden: Wenn sich das weiter ?berpr?fen l??t, dann gibt es ?Gespensterfelder?, die wirklich sind, das hei?t nur dadurch in Erscheinung treten k?nnen, da? sie mit anderen ?Gespensterfeldern? Interferenzen bilden.

Ich m?chte also betonen: Ich bin kein Vertreter irgendeines Substanzbegriffes, nicht einmal in der Physik und schon gar nicht im Bewu?tseinsgebiet, in der Psychologie. Ich verstehe sehr gut, da? Sie die Wechselwirkung nicht m?gen, weil sie von Leuten eingef?hrt wurde, die einen substantiellen Begriff des K?rpers hatten und einen substantiellen Begriff der Seele. Das alte Leib-Seele-Problem war an die Idee von Substanzen gebunden.

Aber die Theorie der Substanzen hat sich verfl?chtigt. Was sich, glaube ich, noch nicht verfl?chtigt hat und was man eben ganz bescheiden als ein gro?es Problem hinstellen mu?, ist: da? ich, wenn ich will, Bewegungen machen kann, da? also mein Wille irgendwie einen Einflu? ?ber meine Nerven auf meine Muskeln hat; und das ist ein Problem. Es gibt unter den Philosophen so genannte Identit?tsphilosophen, die einfach sagen, da ist kein Problem. Das halte ich f?r eine Unbescheidenheit. Man kann nicht dadurch, da? man sagt: Na ja, die Dinge sind identisch, ein Problem l?sen. Das ist alles, was ich zu diesem Punkt wirklich sagen kann. Ich halte fest: Wenn ich von Wechselwirkungen spreche, meine ich ein offenes Problem, nicht eine L?sung.

(Zitatende)





Beste Gr??e Ekkehard Friebe


(Fortsetzung folgt)

10.06.2008 10:55 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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Re: Popper / Lorenz: ,,Die Zukunft ist offen?? Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       IP Information Zum Anfang der Seite springen

24. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Das Bewu?tsein der Tiere?
von den Seiten 87, Absatz 2, bis 89, Absatz 2:



Zitat:


2. Tag:
Die drei Welten
(Karl R. Popper, Irene Papadaki, Franz Seitelberger, Marianne Fillenz, Gerhard Vollmer)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Das Bewu?tsein der Tiere

Fillenz: Karl Popper sagt, da? die gewaltsame nat?rliche Auslese von der gewaltlosen Auslese der Hypothesen ersetzt wird und ich zitiere: ?Wir k?nnen unsere Theorien an unser Statt sterben lassen.? Leider teile ich seinen Optimismus nicht ganz. Die Auslese der Hypothesen kann noch gewaltsamer und blutiger sein als die nat?rliche Auslese des Darwinismus. Ich will aber nicht auf das morgige Thema vorgreifen, sondern wende mich dem Problem des Bewu?tseins und des Dualismus zu, welches ein zentrales Problem der Gehirnforschung und der Philosophie ist. Und ich m?chte an Karl Popper Fragen stellen.

Da ist einmal die Frage, ob das Bewu?tsein ein rein menschliches Ph?nomen ist, etwas, das mit den Erscheinungen des Menschen in der Evolution verbunden ist oder das man schon in vormenschlichen Stadien bei den Tieren erkennen kann. Die elektrischen Hirn-Ph?nomene sieht man auch bei Tieren und nicht nur bei Menschen. Also k?nnen wir daraus folgern, da? es auch ein tierisches Bewu?tsein gibt. Tiere zeigen klare Zeichen von Erwartung und Entt?uschung, die zu ganz spezifischen Verhaltensweisen f?hren. Erwartung aber hei?t: Modell bauen; denn es erfordert ein Bild oder einen Begriff, der gegenw?rtig ist, wenn das Objekt dieses Bildes noch nicht gegenw?rtig ist. Gestern wurde erw?hnt, da? Modellbauen eine menschliche Aktivit?t ist, eine Vorbedingung f?r die Problemstellung Wahrheit - L?ge; und da? das bei Tieren nicht vorkommt. Also scheint es, da? Modellbauen und L?gen nicht unbedingt verbunden ist und da? Modellbauen eben schon bei Tieren auch vorkommt.

Eine zweite Frage ist, inwieweit die Erkl?rung des tierischen Verhaltens ohne Zuflucht zu einem Begriff des tierischen Bewu?tseins m?glich ist. Und die Antwort auf diese Frage ist genau dieselbe f?r die Tiere wie f?r die Menschen, denn wir haben keinen direkten Zutritt zu dem Bewu?tsein anderer Menschen als uns selbst, genauso wenig wie wir einen direkten Zutritt haben zum Bewu?tsein der Tiere. Der Beweis der Realit?t des menschlichen Bewu?tseins sind die Produkte dieses Bewu?tseins, n?mlich die Welt Drei. Es gibt analoge Produkte in der Tierwelt: Der Vogelgesang hat zum Beispiel auch Form und Struktur und vielleicht eine ?hnliche Bedeutung.

Kreuzer: Das Thema ist im Gespr?ch mit Konrad Lorenz unter dem Stichwort ?Der Unterschied zwischen dem Gockel-Ich und dem menschlichen Ich? schon einmal behandelt worden. Aber vielleicht kommen wir noch ein St?ck weiter.

Popper: Jedenfalls habe ich es auch in diesem Buch ?Das Ich und sein Gehirn? abgehandelt. Eine meiner Auseinandersetzungen mit Jack Eccles war, da? ich ihn mit vieler M?he davon ?berzeugt habe, da? es gute Gr?nde gibt f?r die Hypothese, da? die Tiere ein ?hnliches Bewu?tsein haben wie wir. Was Du mit ?Erwartung? und ?Modellbauen? gesagt hast, das ist genau das, was ich ?Theorieproduktion? nenne. Ob es jetzt ?Modell? genannt wird oder ?Theorie?, ist unwichtig. Ich gehe so weit, da? ich sage, da? unsere Organe Theorien sind. Unsere Augen sind Theorien, auf Grund deren wir erwarten, da? uns die Welt weiter Lichtsignale schicken wird, die es der M?he wert machen, da? wir diese Theorien entwickelt haben -- vor langer Zeit, vermutlich, als wir noch Fische waren. In unseren Organen antizipieren wir Teile der Welt und gehen ein Risiko ein. Wir ?investieren? sozusagen in unsere Organe. Erwartungen geh?ren zum Leben. Zum Leben geh?rt, da? wir Erwartungen haben, da? wir Theorien bauen und da? wir versuchen, mit diesen Theorien Probleme zu l?sen. Alle Organismen sind Probleml?ser, auch die Organismen der Pflanzen, nicht nur der Tiere.

Meine Antwort bez?glich Bewu?tsein und Mensch ist ganz klar: Ich habe die Hypothese, da? nicht nur andere Menschen Bewu?tsein haben, sondern da? auch Tiere Bewu?tsein haben. Wenn man einen Hund kennt, so ist es gar keine Frage, da? ein Hund liebebed?rftig ist. Nur: Was ist der Unterschied zwischen tierischem und menschlichem Bewu?tsein? -- Der Unterschied ist die menschliche Sprache, die Kritik erlaubt. Alles andere ist weniger wichtig.

(Zitatende)





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14.06.2008 12:54 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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25. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Friede ist nicht naturwidrig?
von den Seiten 89, Absatz 3, bis 90, Absatz 1:



Zitat:


2. Tag:
Die drei Welten
(Karl R. Popper, Irene Papadaki, Franz Seitelberger, Marianne Fillenz, Gerhard Vollmer)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Friede ist nicht naturwidrig

Popper: Ja, das Entscheidende ist, da? wir unsere Theorien an unserer Stelle sterben lassen k?nnen, da wir sie kritisieren k?nnen, und da? da die nat?rliche Auslese, die sonst uns umgebracht h?tte, an unserer Stelle blo? die Theorie umbringt. Was Du von Optimismus gesagt hast, das ist sehr wichtig, aber trifft nicht diesen Punkt. Mein Optimismus besteht im folgenden. Ich behaupte : Es ist nicht naturwidrig, es ist nicht evolutionswidrig, es ist nicht Kampf-ums-Dasein-widrig, da? es im menschlichen Bereich eines Tages Frieden geben k?nnte. Denn wir k?nnen anstelle des gegenseitigen Umbringens unsere Theorie wegwerfen, die wir als unbrauchbar erkennen.

Es ist also ein Argument; nicht eine Prophezeiung, sondern die Behauptung, da? es nicht naturwidrig ist, nicht Kampf-ums-Dasein-widrig ist (wie so oft behauptet wurde), da? wir im menschlichen Gebiet zwischen den Menschen Frieden schaffen. Es ist sehr oft gesagt worden -- und vor ungef?hr hundert Jahren ist es sehr weitgehend diskutiert worden --, es w?re naturwidrig, Frieden zu schaffen. Und ich sage: Die Natur selbst hat durch die Sprache und durch die M?glichkeit, in der Sprache unsere Theorien zu formulieren, eine neue Dimension geschaffen, die den Frieden nicht naturwidrig macht. Da? es schwierig ist, Frieden zu bewahren; da? es m?glich ist, da? wir uns alle gegenseitig umbringen werden, bevor wir diesen rationalen Weg gehen, das wei? ich sehr gut. Aber ich will etwas betonen: Die Rationalit?t und die Hoffnung auf Rationalit?t ist nicht naturwidrig.

(Zitatende)





Beste Gr??e Ekkehard Friebe


(Fortsetzung folgt)

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26. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Eine Uhr mit zwei Zifferbl?ttern?
von den Seiten 90, Absatz 2, bis 94, Absatz 2:



Zitat:


2. Tag:
Die drei Welten
(Karl R. Popper, Irene Papadaki, Franz Seitelberger, Marianne Fillenz, Gerhard Vollmer)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Eine Uhr mit zwei Zifferbl?ttern

Vollmer: Ich habe einmal in einer Diskussion ?ber Studienpl?ne erlebt, da? es hie?, man sollte philosophische Klassiker und vielleicht nur solche behandeln. Das Problem, das dabei entsteht, hei?t: Was ist ein philosophischer Klassiker? Eine sehr einfache Antwort, die aber nicht schlecht zu sein braucht, ist die: Jemand ist als Philosoph ein Klassiker, wenn er zu vielen philosophischen Problemen konstruktiv beigetragen hat und dies auch mit einer gewissen methodischen Einheit. In diesem Sinne bin ich der Meinung, da? Sir Karl als Philosoph ein Klassiker ist oder wird. Ich habe auch versucht, das ?bergreifende Element herauszufinden, und mich gefragt: Wie kommt es zu einer solchen m?glichen Einheit?

Ich glaube, es gibt da drei Aspekte. Erstens das Falsifikationsprinzip, bei Theorien, die wir nicht empirisch ?berpr?fen k?nnen, verallgemeinert zum Prinzip der Kritisierbarkeit. Zweitens das Prinzip der Entwicklung oder Evolution, das nat?rlich mit dem ersten zusammenh?ngt, weil eine Kritik oder Falsifikation uns ja dazu anregt, etwas Neues zu entwickeln, und drittens m?glicherweise die Tatsache, da? unser Wissen unabschlie?bar ist. Mir scheint das Falsifikationsprinzip oder das Prinzip der rationalen Kritik eine Art Zauberstab zu sein, mit dem Sir Karl viele Probleme angegangen hat, und zwar konstruktiv angegangen hat. Das gilt f?r die Wissenschaftstheorie in der Sitzung gestern, es gilt f?r politische Philosophie in der Sitzung morgen und gilt auch heute f?r das Leib-Seele-Problem und verwandte Probleme.

Die Ausdrucksweise ?das Leib-Seele-Problem? suggeriert ja, da? dieses Problem eindeutig bestimmt sei. Das ist leider nicht so; darin steckt ein ganzer Komplex von Problemen. Vielleicht ist die erste Frage die: Wie viele unabh?ngige oder autonome Welten oder Substanzen gibt es? Dabei kann die Antwort sein: Eine - das w?re eine monistische Antwort. Die Antwort kann sein: Zwei - eine dualistische Antwort. Oder sie kann auch - wenigstens im Prinzip - mehr solche Substanzen, Welten oder was immer postulieren. Ich glaube, da? schon danach, nach dieser Antwort, sich das Leib-Seele-Problem aufspaltet: F?r den Monisten wird es zum Problem, wie er die Verschiedenheit der Aspekte, ?ber die auch Professor Seitelberger gesprochen hat, erkl?rt. Wenn es nur eine Welt gibt, wie kommt es dann zur Verschiedenheit der Aspekte, die zum Teil sogar unvereinbar zu sein scheinen? F?r den Dualisten ist es das gr??ere Problem, gerade die Gemeinsamkeiten, die Korrelationen, die Beziehungen zu erkl?ren. Ich meine also, da? das Leib-Seele-Problem f?r den Monisten mehr in der Frage besteht: Wie unterscheiden sich jene Strukturen, insbesondere des Gehirns, die zwei Aspekte besitzen, von jenen anderen Strukturen, die nur einen Aspekt besitzen? Wohingegen f?r den Dualisten das Problem vor allem darin besteht, diese Wechselwirkung, wenn m?glich, empirisch zu pr?zisieren. Ich wei? nat?rlich nicht, ob das Leib-Seele-Problem f?r eine von beiden Richtungen l?sbar ist; aber ich glaube, da? es dort doch empirisch pr?fbare Elemente gibt - nur sind die Fragen f?r den Monisten und f?r den Dualisten verschieden.

Wenn ich nun das Falsifikations- oder Kritisierbarkeitsprinzip hinzunehme, dann glaube ich, da? man aus Einfachheitsgr?nden - und Sir Karl hat ja auch Einfachheit expliziert ?ber gr??ere Falsifizierbarkeit - vielleicht mit einer monistischen Auffassung anfangen sollte. Wenn eine monistische Auffassung richtig ist, dann wird nat?rlich eine dualistische nicht widerlegbar sein. Denn was ich mit einer Substanz erkl?ren kann, das kann ich allemal und erst recht mit zwei Substanzen erkl?ren. Mir scheint also, da? es eine sinnvolle Maxime ist, mit einer monistischen Auffassung zu beginnen. M?glicherweise k?nnen wir sie nur dadurch widerlegen, da? wir sie hartn?ckig verfolgen.

Nun hat Sir Karl aufmerksam gemacht auf ein wichtiges und interessantes Argument ?ber den Darwinismus, das gegen eine solche identit?tstheoretische Auffassung spricht. Und zwar ist es das Argument, da? die Evolution gar nicht anders verlaufen w?re -- jedenfalls im Rahmen der Identit?tstheorie --, wenn es jenen zweiten Aspekt ?berhaupt nicht g?be. Da nach der Identit?tstheorie ja alle Welt-Zwei-Zust?nde und -Prozesse identisch sind mit Welt-Eins-Zust?nden und -Prozessen, w?rden schon die Welt-Eins-Zust?nde gen?gen. Die Welt-Zwei-Zust?nde w?ren in diesem Sinne ?berfl?ssig; sie k?nnten in der Evolution nicht wirksam werden. Deshalb k?nne die Evolutionstheorie oder der Darwinismus das Auftreten von Welt-Zwei-Zust?nden und -Prozessen nicht erkl?ren. Dies scheint mir ein zwingendes Argument gegen den Epiph?nomenalismus zu sein, bei dem ja Welt-Zwei-Zust?nde nur Oberfl?chenph?nomene sind, nur eine Art Abfallprodukt von Welt-Eins-Zust?nden und -Prozessen. Ich habe aber Zweifel, ob man dieses Argument tats?chlich auch gegen die Identit?tstheorie ben?tzen kann.

Ich m?chte das an einem Vergleich erl?utern, und zwar am Uhren-Gleichnis, das ja auch von Leibniz verwendet wurde, allerdings dort, um dualistische Positionen darzustellen. F?r die Identit?tstheorie w?ren die beiden Uhren nicht zwei verschiedene Uhren, sondern ein und dieselbe Uhr, aber mit zwei Aspekten, zum Beispiel mit zwei Zifferbl?ttern. Nun ist es nat?rlich richtig, da? Uhren mit einem Zifferblatt sehr sinnvoll sein k?nnen, aber es kann f?r gewisse Zwecke auch sehr sinnvoll sein, Uhren mit zwei Zifferbl?ttern zu haben.

Popper: Die Frage liegt ein wenig abseits von dem, was ich eben haupts?chlich diskutieren m?chte, n?mlich das Besondere an der Welt Drei und der menschlichen Sprache, aber ich m?chte trotzdem darauf eingehen.

Zur Identit?tstheorie: Es gab einmal einen Materialismus. Dieser Materialismus bestand im wesentlichen darin, ein ganz einfaches, schlagendes Weltbild aufzubauen. Die einfachste Form ist: Es gibt lauter winzig kleine K?gelchen -- und sonst nichts. Diese K?gelchen benehmen sich in einer durchaus einfachen Weise, sie k?nnen einander sto?en. -- Oder ein anderes materialistisches Weltbild: Es gibt kleine Dinge, die sich ineinander verhaken k?nnen -- und sonst nichts. Und diese Dinge benehmen sich in einer Weise, die wir sehr gut kennen, von unserem Handeln in der materiellen Welt. Das war einmal der Materialismus.

Da gibt es eine h?bsche Geschichte von einem Sohn, der eine Fotografie seines Vaters hat und in der Zeitung eine Annonce sieht: ?Gem?lde nach Fotografie gemalt?. Und der dann, wenn er das Gem?lde seines Vaters, das nach der Fotografie gemalt wird, sieht, sagt: ?Armer Vater, wie hast du dich ver?ndert.? Nun, so ist es mit dem Materialismus. (Heiterkeit im Auditorium.) Dieser einfache, schlagende Materialismus hat eine ungeheuer interessante Entwicklung durchgemacht. Er wurde am Ende zur modernen Physik. Aber in der modernen Physik gibt es zwar Atome, aber die Atome sind nicht einfach, sondern interessante, unglaublich abstrakte Strukturen. Sie benehmen sich nicht so wie die Flaschen und Gl?ser, sondern sie benehmen sich nach Gesetzen, nach denen zum Beispiel sieben mal f?nf nicht gleich f?nf mal sieben ist: in denen also das Kommutationsgesetz der Multiplikation nicht mehr gilt und in denen nur ganz abstrakte Gesetze gelten; am Ende ist sogar die Materie verschwunden, und wir haben die schon erw?hnten Gespensterfelder: Also der arme Materialismus hat sich sehr ver?ndert. Ich sehe nicht ein, welche gro?e Anziehungskraft dieser Materialismus auf die Philosophen hat, au?er da? sie glauben, da? es etwas ist, was man im Englischen ?tough? nennt (also etwa ?hartgesotten?).

Dieser Materialismus wird heute Identit?tslehre genannt. Ich sehe keine Einfachheit in der Identit?tslehre. Ich sehe in der Identit?tslehre keinen direkten Widerspruch, aber ich sehe in der Identit?tslehre eine leeres Versprechen von L?sungen, von denen wir einstweilen noch nichts zu h?ren bekommen. Die Identit?tslehre verspricht uns, da? sie zeigen wird, da? unser Bewu?tsein ein inneres Zifferblatt einer Uhr ist: Das ?u?ere Zifferblatt seht ihr, mein eigenes inneres Zifferblatt sehe nur ich -- das ist mein Bewu?tsein. Meiner Meinung nach ist das nichts als ein leeres Versprechen, eine Metapher, die uns nichts gibt.

(Zitatende)





Beste Gr??e Ekkehard Friebe


(Fortsetzung folgt)

20.06.2008 11:49 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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27. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Der Mensch kann l?gen, das Tier nicht?
von den Seiten 94, Absatz 3, bis 96, Absatz 2:



Zitat:


2. Tag:
Die drei Welten
(Karl R. Popper, Irene Papadaki, Franz Seitelberger, Marianne Fillenz, Gerhard Vollmer)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Der Mensch kann l?gen, das Tier nicht

Popper: Meine Probleme sind vor allem der Unterschied zwischen der menschlichen Sprache und der tierischen Sprache. Das scheint mir wirklich das zentrale Problem zu sein. Die Sprachwissenschaftler haben alle, oder doch die meisten, meinen Lehrer Karl B?hler nicht wirklich verstanden und nicht wirklich gr?ndlich gelesen: Sie haben nicht gesehen, wie wichtig die Lehre von B?hler ist. Und wenn ich mit irgend etwas enden soll, ende ich mit folgendem. B?hler hat Dinge gesagt, die von entscheidender Bedeutung f?r Sprachwissenschaft, f?r Musikwissenschaft, f?r Kunstwissenschaft sind. Er hat darauf aufmerksam gemacht, da? alle Tiere, auch ich, sich jedenfalls ausdr?cken. Ein Schwein, das grunzt, dr?ckt damit einen inneren Zustand aus. Tiere dr?cken sich aus, und der Ausdruck kann bis zu einem gewissen Grad als Sprache angesehen werden. Das ist, nach B?hler, das niedrigste Niveau der Sprache, das immer eine gewisse Rolle spielt, wenn gesprochen wird, aber das nicht an das menschliche Niveau heranreicht. Dann gibt es ein zweites Niveau. Das zweite Niveau ist, was er die Ausl?sefunktion der Sprache nennt. Das bedeutet zum Beispiel, da?, wenn ich jetzt spreche, ich hoffe, da? das in Ihnen, meinen H?rern, etwas ausl?st, da? es Sie anregt, zu dem, was ich sage, zu reagieren. Das ist die Ausl?sefunktion oder die Kommunikationsfunktion, die auch bei Tieren eine gro?e Rolle spielt. Und das Wichtigste sind hier bei den Tieren die Warnungsrufe oder Warnungszeichen. Und auch Lockrufe, die etwa den Geschlechtspartner anziehen. Das ist das zweite Niveau. Das kommt bei allen Tieren vor und bedeutet Kommunikation zwischen Organismen. Konrad Lorenz hat sicher recht, wenn er betont, da? diese Funktion beim Menschen viel weiter entwickelt ist als bei den Tieren.

Also wir haben zwei niedrigere Niveaus, und das ist die Ausdrucksfunktion und die Kommunikationsfunktion. Fast alle Sprachtheoretiker haben entweder nur die Ausdrucksfunktion verstanden oder nur die Ausdrucks- und die Kommunikationsfunktion verstanden und sprechen von der menschlichen Sprache, als ob sie nur Ausdruck und Kommunikation w?re. Aber das Eigentliche und Wichtige und Revolution?re der menschlichen Sprache ist: Sie geht ?ber die Ausdrucksfunktion und Kommunikationsfunktion entscheidend hinaus -- zur Darstellungsfunktion. Sie kann Dinge beschreiben, die sich, zum Beispiel, vor tausend Jahren abgespielt haben. Sie kann heute von der Ermordung von Julius C?sar sprechen, und sie kann Dinge beschreiben, die vielleicht in einem Jahr oder in hundert Jahren oder in tausend Jahren stattfinden werden; zum Beispiel die Explosion eines Nebels im Milchstra?ensystem. Sie kann ganz abstrakte Dinge beschreiben, wie in der Mathematik. Sie ist mit einem Wort nicht blo? auf Warnungs- oder Lockrufe beschr?nkt, die f?r den Moment dienen, sondern sie ist in ihren Formulierungen nicht l?nger an den Moment des Sprechens gebunden. Und sie kann vor allem Theorien aufstellen; und sie kann diese Theorien, wenn sie sie aufgestellt hat, kritisieren.

Diese entscheidende menschliche Situation ist im allgemeinen von den Sprachwissenschaftlern ignoriert worden, obzwar sie Karl B?hler im Jahre 1918 in einem kurzen Artikel sehr klar formuliert hat (mit Ausnahme der Funktion des Kritisierens). Das scheint mir nun die Grundlage der menschlichen Kultur zu sein: die M?glichkeit, sprachlich diese Dinge zu formulieren. Man kann das auch ganz kurz damit ausdr?cken, da? der Mensch mit seiner Sprache zumindest in einer Weise l?gen kann, wie es die Tiere nicht k?nnen. Wie das dann genauer analysiert ist, dar?ber k?nnte man sehr viel sagen. Nat?rlich k?nnen die Tiere in gewissem Sinn l?gen, aber der Mensch kann nicht nur wahre Dinge, sondern falsche Dinge sagen. Und diese falschen Dinge sind ja gew?hnlich gar keine L?gen, sondern Irrt?mer. Jedenfalls kommt hier mit der M?glichkeit, etwas Falsches zu sagen, das ganze Problem der Wahrheitssuche und das ganze Problem der Kritik herein. Und dieser Punkt scheint mir der grundlegende Punkt f?r die Welt Drei zu sein und ein Punkt, der eben ausgesprochen menschlich ist.

(Zitatende)





Beste Gr??e Ekkehard Friebe


(Fortsetzung folgt)

24.06.2008 11:47 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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28. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Schlechte Philosophie schadet der Kunst?
von den Seiten 96, Absatz 3, bis 97, letzter Absatz:



Zitat:


2. Tag:
Die drei Welten
(Karl R. Popper, Irene Papadaki, Franz Seitelberger, Marianne Fillenz, Gerhard Vollmer)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Schlechte Philosophie schadet der Kunst

Popper: Ich wei? nicht, wie viele Jahre ich f?r B?hler in dieser Sache eingetreten bin, aber bisher habe ich noch keinen Widerhall gefunden, und ich m?chte es daher hier noch einmal sagen. Es ist charakteristisch f?r die intellektuelle Oberfl?chlichkeit unserer Zeit, da? dauernd so geredet wird, als ob Sprache Kommunikation w?re, blo? Kommunikation oder auch blo? Ausdruck. Die Betonung des blo?en Ausdrucks der Sprache hat ?brigens zum Expressionismus gef?hrt. Was ist schon nach der allgemeinen Auffassung Kunst? Kunst ist Ausdruck der Pers?nlichkeit: Ich, der K?nstler, ich bin wichtig in der Kunst; ich mu? mich ausdr?cken, eventuell mu? ich kommunizieren. Das ist alles, was in der Kunst wichtig ist. Das hat die Kunst zugrunde gerichtet. Die K?nstler sind auch nur Menschen, und wenn sie h?ren, da? alles Ausdruck ist, dann dr?cken sie eben ihre Gef?hle aus oder vielleicht den Geist der Gegenwart. Das ist die Wahrheit ?ber den Niedergang der Kunst: Die oberfl?chlichen Philosophen sind am Niedergang der Kunst schuld.

Kreuzer: Erkenntnistheorie also auch als Kunsttheorie. Soviel f?r heute, ich danke Ihnen.

(Zitatende)





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(Fortsetzung folgt mit ?3. Tag: Die offene Gesellschaft?)

27.06.2008 09:15 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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29. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den ersten Beitrag vom 3. Kapitel:
?3. Tag: Die offene Gesellschaft?
von den Seiten 98 bis 100:



Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)




Popper: Ich m?chte ?berleiten vom gestrigen Thema Welt Eins, Welt Zwei und Welt Drei. Welt Eins, ich wiederhole kurz, ist unsere gew?hnliche physische Umwelt einschlie?lich unserer nat?rlichen Organismen. Welt Zwei ist die Welt unserer subjektiven Erlebnisse, zum Beispiel die Welt unserer Hoffnungen und Bef?rchtungen, die Welt unserer Gedanken, die Welt der Erlebnisse, die wir haben, wenn wir ein Buch lesen, wenn wir versuchen, eine Theorie zu verstehen. Die Welt Drei ist die Welt der Theorien an sich: die Welt der Inhalte der B?cher. Die meisten Gegenst?nde der Welt Drei geh?ren auch in einer nicht sehr wesentlichen Weise zur Welt Eins. Ein Buch ist ein physischer Gegenstand und somit ein Welt-Eins-Gegenstand. Als physischer Gegenstand geh?rt das Buch zur Welt Eins, der Inhalt des Buches geh?rt zur Welt Drei. Wenn jemand sagt: ?Ich habe die Bibel gelesen?, so meint er nicht, da? er in einem schweren gro?en Buch die Bl?tter umgewendet hat, sondern da? er den Inhalt irgendwie aufgefa?t hat. Den Welt-Drei-Inhalt des Buches.

Diese Unterscheidung, die ich f?r notwendig, aber f?r nicht sehr viel mehr als eine Klassifikation halte, hat bei den Philosophen starke Ablehnung gefunden, obzwar ich sie von der alten Philosophie ?bernommen habe. Wie Frau Papadaki gestern dargelegt hat, ist fast das Ganze schon bei den Stoikern in der hellenistischen Zeit zu finden. Ich selbst habe den Gedanken vor allem von dem ?sterreichischen Philosophen Bolzano ?bernommen. Ein ?hnlicher Gedanke findet sich bei Frege, dem gro?en deutschen Philosophen und Logiker, der um die Jahrhundertwende gelebt hat. Er hat, was ich ?Welt Drei? nenne, das ?Dritte Reich? genannt. Sie werden verstehen, warum ich den Namen etwas abge?ndert habe. (Heiterkeit im Auditorium.) Zwischen Freges ?Drittem Reich? und meiner ?Welt Drei? ist der Unterschied - der einzige wichtige Unterschied auch zu Bolzanos Welt der ?Aussagen an sich? oder den Stoikern und ihrem ?Lekton? -, da? ich die Welt Drei darwinistisch betrachte. Das hei?t, ich habe als Darwinist gesehen, da? wir nicht nur wie die anderen Organismen Finger entwickeln, Augen entwickeln, Ohren entwickeln, sondern wir entwickeln auch Brillen, wir entwickeln auch H?rger?te, wir entwickeln alle m?glichen Werkzeuge.

Unter diesen Werkzeugen, die in einem gewissen Sinn au?er uns existieren und gew?hnlich als physische Dinge au?er uns existieren, ist das wichtigste die menschliche Sprache, mit ihren au?erordentlichen wichtigen Besonderheiten, die sie von der Tiersprache deutlich unterscheiden. Ich habe also die menschliche Sprache als ein darwinistisches Evolutionsprodukt angesehen und gesehen, da? man innerhalb dessen dann das ?Dritte Reich? von Frege und die Welt der ?Aussagen an sich? von Bolzano in einer Weise verstehen kann, in der es Frege und Bolzano nicht gelungen ist.

Sowohl Frege wie Bolzano waren ?ber die Welt Drei, die sie da entdeckt hatten, verbl?fft. Sie haben nicht gewu?t, wie sie sie zu den anderen Welten in Beziehung setzen sollen. Dar?ber haben sie verschiedene Andeutungen gemacht, sie haben sehr wenig dar?ber gesprochen, weil sie gewu?t haben: Hier ist etwas, das wir nicht ganz verstehen k?nnen. Wenn man die ?Welt Drei? aber in dieser darwinistischen Weise ansieht, also die Sprache als Werkzeug und die gesprochenen oder geschriebenen Theorien als Werkzeug, dann ist das ganz anders. Die Theorien sind ?hnliche Werkzeuge wie unsere Augen oder unsere Ohren; Werkzeuge, die wir verwenden, um uns in der Welt Eins, also in der physischen Welt, zurechtzufinden und zu behaupten. Das ist in K?rze meine Theorie der Welt Drei. Sie ist eine Klassifikation: nichts Besonderes. Was ich vielleicht noch dazugef?gt habe, ist die ungeheure Bedeutung dieser Welt Drei f?r das menschliche Leben. Ich behaupte, da? wir, als Pers?nlichkeiten, nur durch unsere Beziehung zur Welt Drei wirklich existieren.

(Zitatende)





Beste Gr??e Ekkehard Friebe



(Fortsetzung folgt)

30.06.2008 11:50 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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30. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Sprechen lernt man nicht vom Zuh?ren?
von den Seiten 100, Absatz 2, bis 102, Absatz 2:




Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Sprechen lernt man nicht vom Zuh?ren

Popper: Wir haben dar?ber gesprochen, da? es kein Menschentum gibt ohne diese Welt Drei: Unser Menschentum ist in der Wechselbeziehung zwischen uns und dieser Welt Drei enthalten. Ich greife auf vorgestern zur?ck: Es sind unsere Aktivit?ten, die die Welt erfassen, die die Information aus der Welt in uns hineinsaugen. Es ist nicht so, da? die Information in uns hineinstr?mt. Wenn ich nicht hinschaue und nicht aufmerksam darauf bin, so existiert das alles nicht f?r mich. Wir ziehen durch Aufmerksamkeit, durch Interesse die Information in uns hinein. Diese Aktivit?t gilt auch f?r die Kinder in ihrer Relation zur Sprache. Die Kinder lernen nicht die Sprache, indem sie h?ren, sie lernen die Sprache, indem sie sprechen, indem sie Sprechversuche machen. Und diese aktiven Sprechversuche bedeuten dann eine Art Neusch?pfung der Sprache durch jedes Kind. Dann lernen sie auch, zuzuh?ren, zu lauschen.

Hier m?chte ich eine Bemerkung einf?gen: Ich halte nichts vom Intelligenzquotienten. Ich glaube, da? das eine der gro?en Unsinnigkeiten unserer Welt ist, und es ist durchaus m?glich, da? sie sogar dazu f?hrt, da? Amerika den n?chsten Krieg verlieren wird, denn die amerikanischen Gener?le sind aufgrund des Intelligenzquotienten ausgew?hlt. (Heiterkeit im Auditorium.) Der Intelligenzquotient ist meiner Meinung nach ein absoluter Unsinn. Jeder Landwirt wei?, da? die Qualit?t des Bodens nicht mit einer Ma?zahl angegeben werden kann, sondern da? wir eine mehrdimensionale Beschreibung eines St?ck Bodens haben m?ssen, um sagen zu k?nnen, ob etwas auf dem Boden wachsen wird. Aber die menschliche Intelligenz wird eindimensional gemessen. Es gibt schlagende Argumente gegen den ?IQ?, etwa, da? Einstein einen niedrigen Intelligenzquotienten gehabt hat. Mit einem Wort: Das ist eine jener wissenschaftlichen Dummheiten, die nur dadurch fortleben, da? sich die Wissenschaft st?ndig ?berschl?gt.

Ein letztes Wort zu dem, was die Welt Drei betrifft: Die Welt Drei ist die Welt der gedanklichen Inhalte, zum Beispiel der Religionen, der Ideologien. Das Wichtigste in der Welt Drei, das, was sozusagen ges?ubert in die Welt Drei kommt und weiter ges?ubert wird, sind die wissenschaftlichen Theorien - keineswegs deshalb, weil die Wissenschaft autoritativ ist oder weil die wissenschaftlichen Theorien notwendigerweise wahr sind - wir hoffen nur, da? sie wahr sind. Es ist mir zugeschrieben worden, da? ich gesagt habe: Wissenschaftliche Theorien sind nie wahr. Das ist auch ein Unsinn. Die wissenschaftlichen Theorien sind das, was der Kritik am st?rksten ausgesetzt ist. Sie sind das, was wir nach einem Ausk?mmungsproze?, einem Reinigungsproze?, einem Falsifikationsproze? vor uns liegen haben.

Die Theorien sind, glaube ich, die besten Inhalte dieser Welt Drei. Ich will damit aber nichts sagen gegen andere Inhalte, Literatur, Ethik: Alles m?gliche Wichtige gibt es in der Welt Drei. Wie gesagt, die Philosophen haben eine etwas sp?ttische Einstellung zur Welt Drei, sie glauben, da? das ja eigentlich Welt Zwei sei, da? die Welt Drei gar nicht existiert. Sie meinen, die Inhalte der B?cher existieren nicht, sondern was existiert, ist nur unser Glaube an den Inhalt dieser B?cher oder andere Welt-Zwei-Erlebnisse. Ich glaube, da? diese Leute nicht hinreichend nachgedacht haben. Ich glaube, da? die Welt Drei wirklich ist, in einem sehr wirklichen Sinn, n?mlich wirksam. Sie hat einen ungeheuren Einflu? auf unser Leben. Die Ideologien vor allem haben einen Einflu? wie sonst nur noch die Bakterien oder andere Krankheitserreger. Wenn Sie zum Beispiel an den Einflu? der nationalsozialistischen Ideen denken, wie diese Ideen die Welt Zwei eines gro?en Landes verr?ckt gemacht haben, ?rger, als wenn alle diese Leute F?sser von Alkohol getrunken h?tten, dann werden Sie sehen, da? die Wirksamkeit der Welt-Drei-Ideen nicht ?bersch?tzt werden kann. Und diese Wirksamkeit bedeutet, da? die Welt Drei wirklich ist und da? wir mit der Welt Drei als etwas Wirksamem rechnen m?ssen.

Es gibt andere Wirkungen der Welt Drei, zum Beispiel in der Medizin. Die Theorien in der Medizin haben unz?hligen Menschen das Leben verl?ngert oder das Leben gerettet. Alle Werkzeuge k?nnen zum Guten und zum B?sen verwendet werden. Ob das Werkzeug eine Schaufel ist, ein Messer ist, eine Gabel ist, das ist egal, es kann zum B?sen verwendet werden. Das gilt auch, wie gesagt, f?r Ideologien.

(Zitatende)





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03.07.2008 11:12 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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31. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Pl?doyer f?r die Bescheidenheit? von den Seiten 102 bis 103:




Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Pl?doyer f?r die Bescheidenheit

Popper: Der ungeheure Einflu? der Welt Drei wirkt auf die Gesellschaft vor allem durch die so genannten Intellektuellen. Ich habe mir vorgenommen, f?r den Rest meines Lebens f?r intellektuelle Bescheidenheit Propaganda zu machen. Es gibt eine Tradition, eine ungeheuer starke Tradition der intellektuellen Unbescheidenheit und Unverantwortlichkeit. Ich habe ungef?hr im Jahre 1930 einen Spa? gemacht. Ich habe gesagt: Viele der Studenten gehen an die Universit?t nicht mit der Einstellung, da? da ein gro?es Reich des Wissens ist, von dem sie vielleicht ein kleines St?ck erfassen k?nnen, sondern sie gehen an die Universit?t, um zu lernen, wie man unverst?ndlich und eindrucksvoll redet. Das ist die Tradition des Intellektualismus. Ich habe das damals als Spa? gesagt. Wie ich aber dann selbst Universit?tslehrer geworden bin, habe ich zu meinem Entsetzen bemerkt, da? das Wirklichkeit ist. Es ist so, leider. (Heiterkeit.)

Es gibt eine Tradition an den Universit?ten, die diese Einstellung legitimiert, und das ist die Tradition, die man mit dem Wort Hegelianismus bezeichnen kann. Hegel wird besonders in Deutschland ungeheuer bewundert. Die Leute glauben ganz ernsthaft, da? Hegel ein gro?er Philosoph war, weil er gro?e Worte gemacht hat. Und das ist diese unerh?rte intellektuelle Unbescheidenheit, die unter den Intellektuellen grassiert. Sie ist es, die ich in meinen letzten Jahren bek?mpfen m?chte. Ich m?chte eine neue Mode einf?hren. Ich habe immer gegen Moden gearbeitet, ich bin nie mit der Mode gegangen und habe nie versucht, eine Mode einzuf?hren. Aber ich m?chte die Mode der intellektuellen Bescheidenheit einf?hren, des dauernden Denkens an das, was wir nicht wissen. Wir m?ssen uns dauernd klarmachen, wie ungeheuer viel wir nicht wissen. Und es ist vor allem die Wissenschaft, die uns lehrt, was wir nicht wissen. Und wir sollen vor allem die Wissenschaft in dem Sinn ansehen, da? sie uns ?berall zu den Grenzen f?hrt, wo wir sehen: Ja, wir wissen ja eigentlich noch gar nichts. Das m?chte ich als die neue Mode bei den Intellektuellen einf?hren. Sie w?re zwar auch nur eine Mode, aber eine bessere.

(Zitatende)





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(Fortsetzung folgt)

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32. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Die Verballhornung Immanuel Kants? von den Seiten 103 bis 106:




Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)
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Die Verballhornung Immanuel Kants

Popper: Ich m?chte noch ein Wort zu Hegel sagen, weil uns das zum Thema der ?offenen Gesellschaft? f?hrt. Ich war vor ein oder zwei Jahren in T?bingen. Und in T?bingen habe ich zwei Abendseminare gehabt, eines mit den Theologen und eines mit den Philosophen. Und ich habe den Philosophen vorgeworfen, da? die Einstellung der deutschen Intellektuellen, die von den deutschen Philosophen gef?rdert wurde, an der M?glichkeit des Hitlerismus schuldig ist. Die Ideologie des Nazismus w?re unm?glich gewesen, wenn die deutschen Philosophen intellektuelle Verantwortlichkeit gekannt h?tten. Aber intellektuelle Verantwortlichkeit war etwas f?r sie vollkommen Unbekanntes. Ihre Aufgabe war, eindrucksvoll und unverst?ndlich zu sprechen. Das wurde ihnen gelehrt: Dieser Aufgabe sind sie nachgegangen, diese Aufgabe haben sie erf?llt. Ich habe ihnen das in einer Round-Table-Konferenz vorgeworfen. Sie waren entsetzt, und aus der Diskussion ist hervorgegangen, da? sie eigentlich nicht verstanden, was ich ihnen vorzuwerfen hatte. Aber schlie?lich haben sie es doch eingesehen.

Nun ein paar Bemerkungen ?ber die Entstehung dieser Denkrichtung in Deutschland: Sie h?ngen mit Kant zusammen. Kant war einer der wunderbarsten Menschen, von denen wir in der Geschichte lesen: Durch und durch ehrlich, durch und durch um Wissen besorgt. Er hat ein Buch geschrieben, das gro?artige Ideen enth?lt, aber ein Problem angreift, das nicht l?sbar ist, das auf einem Mi?verst?ndnis beruht. Er wollte zeigen, warum Newtons Theorie wahr ist. Wie wir heute wissen, ist die Newtonische Theorie eine gro?artige Hypothese. Vielleicht ist sie wahr, das kann man aber nicht aus Grundprinzipien zeigen. Aber Kant hat Grund gehabt zu glauben, da? das die Aufgabe der Erkenntnistheorie ist. Das Ganze war eine ungl?ckselige Situation, aus der ein zum Teil unverst?ndliches oder sehr schwer verst?ndliches Buch entstanden ist: die Kritik der reinen Vernunft. Durch und durch ehrlich, ein wunderbares Buch, aber sehr schwer verst?ndlich. Er hat sein Problem nicht gel?st und nicht l?sen k?nnen. Dadurch ist aber in Deutschland die Identifikation von Schwerverst?ndlichkeit und Tiefe entstanden. Wenn etwas verst?ndlich ist, dann hat es keine Tiefe - das ist die direkte, mi?verst?ndliche Folgerung aus diesem historischen Ungl?ck.

Die Nachfolger Kants, Fichte und Hegel vor allem, haben diese Situation ausgen?tzt. Ich habe in meinem Buch Die offene Gesellschaft in einer der vielen Fu?noten geschrieben, wie das passiert ist, besonders mit Fichte. Fichte hat ein Buch im Kantischen Stil ?ber Religionsphilosophie geschrieben und anonym erscheinen lassen und gleichzeitig das Ger?cht verbreitet, da? es von Kant sei. Dann ist Kant gezwungen worden, eine ?ffentliche Erkl?rung abzugeben, da? dieses Buch von dem ?sehr geschickten Herrn Fichte? ist, wie er ihn genannt hat - eine gl?nzende Beschreibung. Und dann hat Fichte diesen Schwindel in der haarstr?ubendsten Weise ausgen?tzt: So wurde er ber?hmt. Es gibt eine zweite ?ffentliche Erkl?rung von Kant ?ber Fichte (August 1799). Diese wird den Studenten nicht mitgeteilt. Sie sagt in K?rze, da? Kant das Werk von Fichte als einen elenden Schmarrn bezeichnet - elender Schmarrn steht nicht drin; aber folgendes steht drin: ?Gott bewahre uns nur vor unsern Freunden, vor unsern Feinden wollen wir uns wohl selbst in acht nehmen ... Es gibt n?mlich ... auch bisweilen betr?gerische, hinterlistige, auf unser Verderben sinnende und dabei doch die Sprache des Wohlwollens f?hrende ... so genannte Freunde, vor denen und ihren ausgelegten Schlingen man nicht genug auf seiner Hut sein kann.? Das war eine unerh?rt scharfe Erkl?rung, und Kant war nicht der Mann, der eine solche Erkl?rung leicht abgegeben hat.

So ist es zum deutschen Idealismus gekommen. Dann kam Hegel, ein viel begabterer Mann als Fichte. Ich lese Hegel schon sehr lange nicht mehr, einfach deshalb, weil ich ihn nicht f?r ehrlich halte. Er sucht nicht die Wahrheit: Er will beeindrucken. Hegels Philosophie war wirklich die erste Philosophie, die in Deutschland mit Machtfragen zu tun hatte. Hegels Philosophie war die Verg?tterung des Staates, und zwar speziell des preu?ischen Staates. Der preu?ische Staat wurde von Hegel in gro?artiger Weise als der ?Marsch Gottes durch die Welt? erkl?rt. Diese Hegelsche Philosophie wurde von Marx aufgegriffen. Marx hat gesagt: Sie steht auf dem Kopf, man mu? sie auf die F??e stellen. Ich halte das, was Marx da getan hat, f?r interessant, wichtig. Aber es hat wie so vieles ungl?ckselige Folgen gehabt. Dar?ber habe ich in meinem Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde berichtet. Ich habe versucht Marx gerecht zu werden. Ich glaube auch heute noch (obzwar ich seitdem eine Menge ?ber Marx geh?rt habe, was mir sehr mi?f?llt), da? Marx von dem Elend der Proletarier wirklich tief ber?hrt war, da? er den Proletariern helfen wollte. Nur glaube ich heute leider auch, da? er pers?nlich ?beraus ambiti?s war, da? er ein Machtsucher war, der verbittert war, weil ihn die Machtsuche nirgends hinf?hrte. Marx zeigte - und das war damals wesentlich ?, da? er in einer b?sen gesellschaftlichen Welt lebte, in einer Welt, in der es Unterdr?ckung und Ausbeutung, Hunger und Elend auf der einen Seite gab und Luxus auf der anderen Seite. Hier hat Marx viel geleistet, und er hat mit beigetragen zur Reformierung dieser Welt.

(Zitatende)





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33. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Die beste Welt, die es bisher gab? von den Seiten 106 bis 107:




Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Die beste Welt, die es bisher gab

Meine These zur Gegenwart aber ist: Wir leben hier im Westen -- ich wei?, da? es auch eine Dritte Welt gibt, wo es anders ist -- wir leben hier im Westen in der verh?ltnism??ig besten, gerechtesten, f?rsorglichsten Welt, die es je in der Geschichte gegeben hat: in der freien Welt, in der Welt, wo wir die gr??ten M?glichkeiten haben, in einer Welt, wo wir frei sprechen k?nnen. Das ist eine Welt, wie sie es nie vorher gegeben hat. Ich m?chte sogar dazusetzen, da? die G?te unserer Welt zum Teil durch Marxisten hervorgebracht worden ist. Ich meine Leute wie den Wiener B?rgermeister Seitz oder den Stadtrat Breitner, die in meiner Jugend gelebt haben und die wirklich viel f?r die Menschen in Wien getan haben.

Das alles gebe ich gerne zu. Aber viele Intellektuelle glauben heute, da? wir in einer elenden Welt leben. Und das wird den jungen Leuten dauernd nicht nur erz?hlt, sondern eingerieben, eingeimpft. Nun ist es selbstverst?ndlich, da? es in unserer Welt Gutes und Schlechtes gibt. Es w?re unsinnig zu sagen, da? man unsere Welt nicht mehr verbessern kann. Es ist unsere Aufgabe und die Aufgabe junger Menschen, unsere Welt weiter zu verbessern -- aber wirklich zu verbessern und nicht zu verschlechtern. Wenn die Jungen unsere Welt mit der Einstellung ansehen, da? das eine elende Welt ist, eine abscheuliche Welt, so werden sie auf diese Weise selber ungl?cklich gemacht -- sie leben selber ungl?cklich in einer Welt, die wundersch?n ist, wobei ich an ?sterreich als Beispiel denke. -- Sie leben aber auch, undankbar, in dieser Welt, in der sie gro?e Aufgaben h?tten, in der es gro?e Dinge zu verbessern gibt, in der es leidende Menschen gibt, denen geholfen werden mu?.

Das ist meine Hauptthese: da? wir in einer guten Welt leben und da? die Medien, die Journalisten, die Intellektuellen, alle glauben, wir leben in einer elenden Welt, und da? dieser Glaube in die jungen Leute eingepflanzt wird. Wir erleben dann etwa in Deutschland oder in Italien, da? es zu furchtbaren Terrorakten kommt, bei denen unschuldige Menschen erschossen wurden -- von jungen Leuten, die hohe Ideen von einer besseren Welt haben und glauben, diese bessere Welt zum Beispiel in Ru?land zu finden oder sonst in einem der kommunistischen L?nder, wo die geknechteten Menschen nicht das Recht haben, offen zu sprechen.

(Zitatende)





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(Fortsetzung folgt)

12.07.2008 10:24 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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34. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Marx bleibt Marx? von den Seiten 107 bis 109:




Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)
[ . . . . . . . . . . . . . . . .]



Marx bleibt Marx

Bartley: Ich m?chte einige Worte erg?nzend zu Poppers Marx-Kritik sagen. [ Fu?note: Vgl. hierzu die im Verzeichnis der Beitr?ger unter W. W. Bartley III angegebene Literatur.] Die beiden B?cher Poppers ?Die offene Gesellschaft und ihre Feinde? und ?Das Elend des Historizismus? enthalten eine entscheidende Widerlegung der Theorien des Marxismus. Bryan Magee, ein Sozialist und Mitglied des britischen Parlamentes, hat geschrieben: ?Ich sehe nicht, wie ein vern?nftiger Mensch, der Poppers Marx-Kritik gelesen hat, noch Marxist sein kann.? Das ist nur eine von vielen ?hnlichen Stimmen, aber man mu? auch einr?umen, da? es viele marxistische Autoren gibt, die in diesem Punkt auf das sch?rfste widersprechen. Unter diesen Autoren finden sich Ernst Bloch, Georg Luk?cs und Herbert Marcuse. Diese Autoren behaupten, da? Marx kein Historizist war, wie Popper, gest?tzt auf Zitate aus dem ?Kapital?, behauptet, sondern ein Humanist und ein Existentialist. Sie sagen, da? der angebliche Marxismus, gegen den Popper aufgetreten ist, eine Konstruktion von Engels war. Diese Autoren bestreiten nicht den ungeheuren politischen Einflu? dieser Konstruktion von Engels. Sie bestreiten auch nicht, da? Popper diesen in den kommunistischen L?ndern und in der Zweiten und Dritten Internationale und von Lenin allein anerkannten Marxismus widerlegt hat.

Ihr wichtigstes Argument gegen Poppers Marx-Kritik st?tzt sich auf einige Manuskripte des jungen Marx, die von Marx nie ver?ffentlicht wurden und die, in der Zeit, als Popper in Wien seine Marx-Kritik konzipierte, noch unbekannt waren. Es sind die so genannten Pariser Manuskripte des jungen Marx. Das Argument der Kritiker von Poppers Marx-Kritik war, da? diese Kritik durch die Entdeckung der unbekannten Pariser Manuskripte ?berholt sei. Nun, auch dieses Argument ist vor kurzem widerlegt worden. Im Dezember 1982 fand hier in ?sterreich in Linz eine internationale Konferenz ?ber die Geschichte der Arbeiterbewegung statt, auf der ein holl?ndischer Forscher seine langj?hrigen und ?beraus sorgf?ltigen Studien der ?Pariser Manuskripte? vorlegte.

Das Ergebnis ist, man kann wohl sagen, da? diese so genannten Manuskripte eine Legende sind. Die Manuskripte existieren physisch im Sinne von Poppers Welt Eins, aber ihr Inhalt, ihre Welt-Drei-Bedeutung, ist nicht existent. Sie sind nicht unver?ffentlichte Manuskripte, die Marx vielleicht unter Umst?nden ver?ffentlicht h?tte, sie sind nichts als unorganisierte Notizen, die Marx machte, als er verschiedene Autoren las. Was als der Hauptinhalt dieser ?Manuskripte? angesehen wurde, die so genannte Lehre von der Entfremdung, das hat Marx schon im Jahre 1846 nicht nur aufgegeben, sondern geradezu ironisiert - wie ?brigens Popper auch. In seinem publizierten Werk und schon vorher war Marx kein Anh?nger der Entfremdungstheorie. Man k?nnte nun sagen, da? Popper Gl?ck gehabt hat, da? die damals noch unbekannten Fr?hschriften von Marx die Kritik Poppers in der Tat nicht ber?hren, aber man kann nicht sagen, da? die Gegner von Poppers Marx-Kritik nur Pech gehabt haben. Im Gegenteil: Die Aufbauschung der Fr?hschriften von Marx war, vom Standpunkt echter Forschung gesehen, erstens fahrl?ssig: Das Manuskript wurde nicht gr?ndlich und kritisch studiert; zweitens aber war das Vorgehen dieser Kritiker autorit?tsgl?ubig: Weil der gro?e Marx der Autor war, wurde ein ganz unbedeutendes Manuskript aus Marxens Jugendjahren ?berbewertet und Marxens reifen, von ihm selbst publizierten Schriften vorgezogen.

(Zitatende)





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15.07.2008 09:37 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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35. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Die schlechteste Regierungsform -- au?er allen anderen? von den Seiten 109 bis 110:




Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)
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Die schlechteste Regierungsform -- au?er allen anderen

Popper: Die Tatsache, da? unsere Gesellschaft zum Teil das Resultat von bewu?ter Reform ist -- diese Tatsache soll nicht vergessen werden. Sie kann uns dazu helfen, weiter zu reformieren, aber -- und das ist jetzt sehr wichtig -- jeder Mensch, der sich in Politik in irgendeiner Weise hineinmischt, durch Theorien oder mittels einer neuen Ideologie, sollte sich zweier Dinge bewu?t sein: Er mu? sich dessen bewu?t sein, da? er eine ungeheure intellektuelle Verantwortung tr?gt, und er mu? sich dessen bewu?t sein, da? er auch Schaden stiften kann. Er mu? daran denken, da? er nichts wei? und lernen mu?, da? er seinen Kopf offen halten mu? und da? er nicht vorgeben darf, da? er wei?, wenn er nichts wei?. Er mu? sich selbst kritisieren und dauernd seine Lehren ?ber den Staat und die Gesellschaft verbessern k?nnen. Das politische F?hrertum ist Bl?dsinn. Der Engl?nder H. G. Wells hat einmal sehr sch?n und einfach gesagt: ?Grown men do not need leaders.? Auf Deutsch: ?Erwachsene Menschen brauchen keine F?hrer.? Sie sollen aber auch nicht versuchen, als F?hrer aufzutreten. Wenn ich schon bei gl?nzenden englischen Bemerkungen bin, so m?chte ich noch zwei Bemerkungen von Churchill hinzuf?gen. Die eine hei?t: Die Gefahr des Sozialismus besteht darin, da? ?our civil servants will become our uncivil masters?. ? Ein ?civil servant? ist w?rtlich ?bersetzt ein ?ziviler Diener? oder ?Zivilbeamter?; er ist ein Beamter im Zivildienst zum Unterschied vom Milit?rdienst. Aber das Wort ist zweideutig: ?civil? bedeutet im Englischen auch ?h?flich?, und ?our civil servants?, also unsere ?h?flichen Diener?, k?nnen unsere ?uncivil masters? werden - unsere unh?flichen Meister, unsere rauhen Aufseher. Das hat Churchill als die Gefahr des Sozialismus dargestellt, und diese Gefahr ist mir selbst wohlbekannt.

Die andere Churchill-Bemerkung, die ungeheuer wichtig ist und in gewissem Sinn das Thema des heutigen Tages ber?hrt: ?Die Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen -- mit der alleinigen Ausnahme aller anderen.? Damit wollte er sagen: Es gibt keine gute Regierungsform. Es gibt nur solche Regierungsformen, die unverbesserlich schlecht sind, die also nur durch Gewalt ersetzt werden k?nnen, und solche Regierungsformen, in denen man durch eine Abstimmung die Regierung absetzen kann. Die M?glichkeit, die Regierung ohne Sch?sse abzusetzen, ist das Wichtigste an der Demokratie. Alles andere h?ngt an den B?rgern, an den Demokraten. Die Demokratie kann nicht besser sein als die Demokraten. Es sind die Demokraten, die f?r die Verbesserung arbeiten m?ssen, das ist das Entscheidende. Es ist ein Unsinn, sich ?ber die Demokratie zu beklagen. Die Antwort auf so eine Klage ist: Was hast du getan, um die Demokratie zu verbessern?

(Zitatende)





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(Fortsetzung folgt)

18.07.2008 07:41 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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36. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Instinkte, die sich nach der Steinzeit sehnen? von den Seiten 110 bis 114:




Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)
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Instinkte, die sich nach der Steinzeit sehnen

Radnitzky: Ich m?chte einige Thesen ?ber das Verh?ltnis von Erkenntnistheorie und politischer Philosophie aufstellen.

Die erste These: Positionen in der politischen Philosophie haben ihre Wurzeln in Positionen in der Erkenntnistheorie. In der Erkenntnistheorie gibt es ein Dilemma, das man das Dilemma der Begr?ndungsphilosophie nennen k?nnte. Wenn man einen Satz durch S?tze begr?nden will, kann man entweder das Begr?ndungsverfahren fortsetzen oder es abbrechen. Da infiniter Regre? und logische Zirkel aus logischen Gr?nden keine praktikablen M?glichkeiten darstellen, reduzieren sich die M?glichkeiten auf das Dilemma: entweder ein dogmatischer Abbruch des Begr?ndungsverfahrens oder Skeptizismus.

Zweite These: Dieses Dilemma der Erkenntnistheorie, die im Kontext des begr?ndungsphilosophischen Denkstils betrieben wird, hat ein Gegenst?ck in der politischen Philosophie, n?mlich in der Alternative: entweder Dogmatismus in der Form der Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv oder Anarchie. Damit stellt sich die Frage, ob diese Alternative tats?chlich ein Dilemma darstellt.

Dritte These: F?r die Lebensform der stammesgemeinschaftlichen Kleingruppe stellt die genannte Alternative tats?chlich ein Dilemma dar. Die Menschheit hat drei bis vier Millionen Jahre in kleinen jagenden und sammelnden Horden gelebt. In dieser Kleingruppe, der face-to-face group, sind sich alle Mitglieder pers?nlich bekannt, sie k?nnen einander ber?hren und daher auch r?hren. Da eine solche Kleingruppe, wenn sie den Anarchismus praktizieren w?rde, schnell als Gruppe verschwinden w?rde, bleibt nur die Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv. Der Wilde ist deshalb notgedrungen Kollektivist. Unsere moralischen Institutionen sind der Lebensform der Kleingruppe angepa?t, sie werden in der Sozialisierung des Kindes eingelernt und beherrschen deshalb auch heute unsere Emotionalit?t. Wenn aber in der Moderne das Prinzip der Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv weiterhin als die einzige M?glichkeit der Erhaltung einer sozialen Ordnung gesehen wird, f?hrt dies notwendigerweise zum Totalitarismus. Der moderne Kollektivismus ist daher ein Versuch, zum Zustand des Wilden zur?ckzukehren.

Vierte These: Die Begr?ndungsphilosophie stellt die erkenntnistheoretische Grundlage f?r diejenige Position in der politischen Philosophie dar, die f?r weitgehende Planung pl?diert. Es ist die Position, die Friedrich von Hayek als ?konstruktivistischen Rationalismus? bezeichnet hat. Kernst?ck dieser Position ist der Glaube, da? es immer m?glich sei, durch planende Konstruktion bessere Resultate zu erzielen als durch den selbstordnenden Proze?, der wie eine ?unsichtbare Hand? spontane Ordnungen schafft. Zur Ideologie der Zentralplanung geh?rt auch der Holismus: die Bewertung, da? das Kollektiv und nicht das Individuum im Zentrum stehen solle, da? der Staat dem Kollektiv und nicht dem Individuum dienen soll. Wieso st?tzt sich die Ideologie der Zentralplanung auf Begr?ndungsphilosophie? Eine Politik der weitgehenden Planung ist nur dann rational, wenn angenommen wird, da? der Planer im Besitz von Wissen ?ber das Funktionieren der Gesellschaft ist, das gen?gend umfassend und sicher ist. Je umfassender die geplante Umstrukturierung der Gesellschaft, desto umfassender und desto sicherer m??te das Wissen der Instanzen der Zentralplanung sein.

F?nfte These: Das Dilemma ?entweder Dogmatismus oder Anarchie?, das f?r die Lebensform der Kleingruppe ein echtes Dilemma ist, ist f?r die Lebensform der abstrakten Gro?gesellschaft kein echtes Dilemma mehr. In diesem Kontext l?st sich das Dilemma auf, sobald eine dritte M?glichkeit sichtbar wird. Karl Poppers Kritizismus bietet diese dritte M?glichkeit. Sobald erkannt wird, da? auch im Bereich der Politik rationales Probleml?sen m?glich ist, verschwindet das Dilemma. Das Modell des rationalen Probleml?sens ist dabei dasselbe in s?mtlichen Bereichen: das Zusammenspiel von Kreativit?t und Kritik. Es ist wesentlich ein evolution?res Modell und hat auch in der Biologie sein Gegenst?ck im Zusammenspiel von Mutation und Selektion.

Im Laufe der kulturellen Evolution bildeten sich allm?hlich die Voraussetzungen f?r eine Gesellschaft freier Menschen heraus. Das hei?t, es wurde m?glich, da? eine solche Gesellschaftsform geschaffen werden kann, wenn es die Menschen wollen. Zu diesen Vorbedingungen geh?ren: die Entstehung einer kritischen Tradition mit Wahrheit als regulativem Prinzip, die Anerkennung der prinzipiellen Fallibilit?t des menschlichen Erkenntnisverm?gens und die Einsicht, da? rationale Diskussion in allen Lebensbereichen ein Hilfsmittel des Probleml?sens ist.

Eine der Voraussetzungen der offenen Gesellschaft ist daher die Institutionalisierung der Kritik. In einem demokratischen System ist eine Form der Kritik der Regierenden institutionalisiert worden: die M?glichkeit des Abw?hlens der Regierung. Eine Regierung ist nur dann demokratisch legitimiert, wenn sie den B?rgern diese M?glichkeit bietet. In den so genannten Volksdemokratien wird den B?rgern sogar das Recht verweigert, mit den F??en abzustimmen. Dies ist vom Standpunkt der Machthaber rational, da sonst wertvolles Humankapital das Land verlassen w?rde. Der Idealfall w?re ein Wettbewerb der Staaten um B?rger. Er w?re auch im Westen n?tzlich, denn dann w?rden sich die Staaten mehr bem?hen, ihre Attraktivit?t als Wahlheimat zu erh?hen. Kurz, der Idealfall w?re ein Wettbewerb der Systeme und ein Wettbewerb der Staaten. Denn genauso wie in der Wissenschaft der Wettbewerb der Theorien f?r den Erkenntnisfortschritt unerl??lich ist, so ist der Wettbewerb der politischen Ideen f?r die Verbesserung der Institutionen unerl??lich.

Was aber ist mit ?Verbesserung? hier gemeint? Die demokratische Methode ist formal. Sie allein kann eine Gesellschaft freier Menschen nicht zustande bringen. Und wie jede Methode kann sie leicht mi?braucht werden und entartet dann zur Majorit?tsdiktatur. Der Begriff der offenen Gesellschaft betont die Rolle der rationalen Diskussion und der Kritik. Aber wie der Begriff der rationalen Diskussion selbst, so bleibt auch der Begriff der offenen Gesellschaft formal.

Sechste These: Der Wertstandpunkt mu? durch eine Stellungnahme eingef?hrt werden. Und nur dann, wenn er explizit gemacht wird, ist eine rationale Kritik eines Wertstandpunktes, eines Moralsystems, m?glich.

Siebente These: Ein Moralsystem basiert auf einem bestimmten Menschenbild und Menschenideal.

Achte These: Karl Poppers Methodologie hat es erm?glicht, das Menschenbild zu verbessern. Der die Philosophiegeschichte beherrschenden Tradition der Begr?ndungsphilosophie im Sinne des klassischen Rationalismus wird nun der kritische Rationalismus gegen?bergestellt, der betont, da? wir nicht gezwungen sind, irgendeine Position zu dogmatisieren. Der Wertstandpunkt, der der offenen Gesellschaft im Sinne Karl Poppers zugrunde liegt, basiert auf einem Menschenbild, das neben der Fallibilit?t auch die Einmaligkeit der Person anerkennt, und auf einem Menschenideal, das die pers?nliche Freiheit als grundlegenden Wert ansieht. Wenn man von diesem Wertstandpunkt ausgeht und verschiedene Systeme beurteilt, dann wird die entscheidende Frage die Frage: Wie viele Freiheitsr?ume werden dem Individuum gew?hrt? Oder anders formuliert: In wie viele Lebensbereiche dringt der Staat ein? Die wichtigste Unterscheidung ist dann zwischen liberalen Rechtsstaaten mit Gewaltenteilung einerseits und monokratischen Diktaturen andererseits. Die Philosophie des kritischen Rationalismus ist eine der Grundlagen der Philosophie der offenen Gesellschaft, des liberalen Rechtsstaates. Diese Lebensform ist vielen Gef?hrdungen ausgesetzt und heute insbesondere selbstgef?hrdenden Tendenzen, die aus der Totalisierung liberaler Ideen erwachsen.

(Zitatende)





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23.07.2008 11:43 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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37. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Gleichmachen - unfrei machen? von den Seiten 114 bis 115:




Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)
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Gleichmachen - unfrei machen

Radnitzky: Eine Festung ist nur so gut, wie die Besatzung dieser Festung ist. Wie leicht sie zu mi?brauchen ist, kann man an vielen Beispielen illustrieren. Der Staat kann auch in die Hand der Interessenverb?nde geraten, der Kartellierungen, Gewerkschaften usf. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Fall des schwedischen Wohlfahrtsstaates. Es ist interessant deswegen, weil hier ein Land mit einem demokratischen ordnungspolitischen Rahmen durch eine stark egalitaristische Ideologie seine Wirtschaft unterminiert hat und dann durch seine Steuerpolitik auf eine Bahn geraten ist, die schlie?lich sogar sukzessive den Rechtsstaat unterh?hlt. Die Totalisierung der Idee der Gleichheit --einer liberalen Idee -- ist die Ursache dieser Entwicklung. Von der liberalen Idee der Gleichheit vor dem Recht -- einer der Pfeiler des Rechtsstaates -- und der aus ihr ableitbaren Maxime der fairen, n?mlich gleichen Wettbewerbsbedingungen f?r alle wird totalisiert zu der Gleichheit der Resultate des Wettbewerbs, dann zu der Gleichheit der Lebensbedingungen und schlie?lich zu der Idee, ich w?rde sagen, der Utopie der m?glichst gleichen Schicksale. Im Hintergrund steht dann sehr stark die Idee des Menschen als Nur-Gattungswesen. Diese Ideologie basiert offenbar auf einem v?llig anderen Menschenbild als dasjenige, das dem klassischen Liberalismus zugrunde liegt. Dem entspricht auch das Ideal des Staates -- Minimalstaat auf der einen Seite, Maximalstaat auf der anderen Seite.

Ich m?chte schlie?en mit einer provokativen These und einer trivialen These.
Die provokative These: Das beste Mittel, die Marktwirtschaft und damit eine der Vorbedingungen der offenen Gesellschaft zu zerst?ren, ist der Begriff der sozialen Gerechtigkeit im Sinne des Egalitarismus.
Die triviale These: Die Erhaltung der offenen Gesellschaft ist eine st?ndige Aufgabe. Ob diese Lebensform, die eine einzigartige Ausnahme in der Geschichte der Menschheit darstellt und die nur ein sehr kleiner Teil der Menschheit das Gl?ck hat zu erleben, erhalten werden kann, das wird von der jungen Generation abh?ngen, also davon, ob diese Generation gewillt sein wird, diese Lebensform nach au?en und nach innen zu verteidigen.

(Zitatende)





Beste Gr??e Ekkehard Friebe



(Fortsetzung folgt)

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38. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Falsche Erziehung zur Unfehlbarkeit? von den Seiten 116 bis 117:




Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)
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Falsche Erziehung zur Unfehlbarkeit

Slade: Unter dem Titel des heutigen Themas ?Die offene Gesellschaft? geht es in erster Linie um den Menschen. Nat?rlich hat dieses Thema viel mit Politik zu tun, aber nicht ausschlie?lich mit Politik, und ich will deshalb versuchen, eine angeblich unpolitische Institution zu kritisieren: das Bildungswesen. Meine These ist einfach, aber ich glaube, sie ist nicht unbedeutend: In der Schule werden wir fast alle dazu erzogen, Autorit?ten anzuerkennen. Ich behaupte, da? die kritische F?higkeit des menschlichen Denkens in der Schule und zum Teil an der Universit?t nicht gef?rdert, vielleicht sogar unterdr?ckt wird. Ich glaube, da? die Lehrer verpflichtet sind, junge Menschen zum kritischen Denken zu erziehen, so da? sie in Zukunft einen Beitrag zur offenen Gesellschaft leisten k?nnen.

Mit zw?lf Jahren habe ich meinen Physiklehrer gefragt: Was ist Energie? Inzwischen wei? ich, da? so eine Frage schwer zu beantworten ist. Aber er hat ?berhaupt nicht versucht, meine Frage zu beantworten. Dies ist ein sehr kleines Beispiel aus meiner Schulzeit. Immer wenn ich w?hrend dieser Zeit versuchte, etwas Kritisches zu fragen, bekam ich keine Antwort.

Jeder von uns wei?, da? wir fehlbar sind, sehr fehlbar. Aber unter normalen Umst?nden geben wir dennoch unsere Fehlbarkeit anderen gegen?ber nie oder nur selten zu. Es gibt interessante Ausnahmen. Wenn man zum Beispiel versucht, eine Fremdsprache zu sprechen. Wie oft h?rt man als Antwort auf die Frage: ?Sprechen Sie Deutsch?? - ?Ja, ein bi?chen.? In diesem Fall gibt der Mensch gerne zu, da? seine fremdsprachliche Kenntnis unzul?nglich ist, aber auf anderen Gebieten scheut er sich, es zu tun. Normalerweise versucht der Mensch, seine Fehlbarkeit zu verbergen, zu vertuschen. Es k?nnte als eine Art Verschw?rung betrachtet werden: Wir alle wissen, wie fehlbar wir sind, wie wenig wir wissen, aber niemand gibt es gerne zu. In der Schule sind wir n?mlich erzogen worden, als ob unser Kopf ein K?bel w?re -- wie Popper es beschrieben hat -- und die Aufgabe des Lehrers darin best?nde, die Information mit dem passenden Trichter einzugie?en. Aber wenn wir einsehen, was an unserer Erziehung falsch ist -- warum ist es so schwer, sie zu ?ndern?

(Zitatende)





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(Fortsetzung folgt)

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39. Fortsetzung zu:

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: ?Die Zukunft ist offen?
Das Altenberger Gespr?ch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums
Herausgegeben von Franz Kreuzer

Verlag Piper, M?nchen / Z?rich, 2. Auflage, April 1985
ISBN 3-492-00640-X (Serie Piper Band 340)


Nachstehend bringe ich aus dem oben genannten Buch den Abschnitt:
?Die Schule verbessern: Ungl?ckliche Lehrer loswerden? von den Seiten 117 bis 118:




Zitat:


3. Tag:
Die offene Gesellschaft
(Karl R. Popper, W.W. Bartley III, Gerard Radnitzky, Ivan Slade, Alexandre Petrovic, Peter Michael Lingens, Norbert Leser)
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Die Schule verbessern: Ungl?ckliche Lehrer loswerden

Popper: Ich war unter den ersten Studenten im Wiener P?dagogischen Institut. Es war der erste Jahrgang, 1925 - 1927. Ein lieber Kollege aus dieser Zeit, Robert Lammer, sitzt da dr?ben, und ich m?chte ihn begr??en. Ich war, wie auch Robert Lammer, ein begeisterter Schulreformer. Im Gegensatz zur Praxis der Schulreformer habe ich aber den Theorien der Schulreform immer mi?traut und bin ihnen kritisch gegen?bergestanden. Ich habe damals dar?ber nachgedacht, was das Wichtigste an der Schulreform w?re. Wie kann man wirklich die Schule reformieren? Indem ich damals ?ber meine eigenen Erfahrungen als junger Lehrer an schlechten Schulen nachgedacht habe, bin ich draufgekommen, da? es das Wichtigste ist, schlechten Lehrern in der Schule die M?glichkeit zu schaffen, die Schule zu verlassen. (Zustimmung im Auditorium.) Ich habe gesehen, da? nur Menschen, die eine gewisse Begabung haben -- es ist keine eigentlich intellektuelle Begabung, es ist eine innere Beziehung zu Kindern --, gute Lehrer sein k?nnen. Und sehr viele Lehrer werden sozusagen von der Schule eingefangen, sind dort ungl?cklich und k?nnen nicht mehr heraus. Ich habe einen ganz einfachen Vorschlag gemacht: Man mu? diesen Menschen, die auch nicht schlechter sind als andere, goldene Br?cken bauen, damit sie herausk?nnen; dann kommen an ihrer Stelle wieder junge Leute, die zum Teil geborene Lehrer sind. Solange viele Lehrer verbitterte Lehrer sind, verbittern sie die Kinder und machen die Kinder ungl?cklich. Sie bleiben in der Schule bis zu ihrer Pensionierung und atmen auf, wenn sie eine Pension bekommen. Solange in der Schule verbitterte Lehrer sind, und zwar viele verbitterte Lehrer, die aus begreiflichen Gr?nden die Kinder terrorisieren, auch deshalb, weil sie von ihren Vorgesetzten, zum Beispiel von Inspektoren, eingesch?chtert werden, solange kann die Schule nicht besser werden.

(Zitatende)





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31.07.2008 10:20 Ekkehard Friebe ist offline Email an Ekkehard Friebe senden Homepage von Ekkehard Friebe Beiträge von Ekkehard Friebe suchen Nehmen Sie Ekkehard Friebe in Ihre Freundesliste auf
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