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Ekkehard Friebe Ekkehard Friebe ist männlich
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Die Austreibung der Kritik aus der Wissenschaft - Psychologie im Universit?tsbetrieb
von Prof. Dr. Gerhard Vinnai, UNIVERSIT?T BREMEN
http://www.vinnai.de/kritik.html
Manuskript ist als Volltext (PDF-Datei) zum Download bereitgestellt (1,2 MB). ? Copyright verbleibt ausschlie?lich beim Autor.



Zitat:


Einleitung

Der bestehende Universit?tsbetrieb bedarf der grundlegenden Kritik. Mit meinem Buch will ich sie exemplarisch am Fach Psychologie ?ben, wo die Misere der Wissenschaft besonders drastisch zum Ausdruck kommt. Aufkl?rerisches Denken, das Menschen helfen soll, sich aus ?u?eren und inneren Zw?ngen herauszuarbeiten, darf heute nicht schlicht mit wissenschaftlichem Denken gleichgesetzt werden. Es hat heute nicht zuletzt dessen Kritik als Selbstkritik der Aufkl?rung zu leisten. Die Kritik der wissenschaftlichen Rationalit?t hat deren repressive Z?ge sichtbar zu machen und auf Perspektiven ihrer ?berwindung hinzuweisen. Es ist notwendig, aufzuhellen, mit welchen sozialen Verh?ltnissen diese Rationalit?t verkn?pft ist und mit welchen Arbeits- und Verkehrsformen sie an der Universit?t durchgesetzt wurde und wird. Die Struktur der Universit?t verh?lt sich Formen und Inhalten des wissenschaftlichen Denkens gegen?ber keineswegs neutral. Sie beg?nstigt bestimmte Arten zu denken und blockiert andere. Universit?res Denken wird aber nicht nur durch objektive institutionelle Zw?nge eingeengt, es ist auch von fragw?rdigen psychischen Determinanten abh?ngig, die mit diesen verkn?pft sind. Eine Kritik des Wissenschaftsbetriebes muss sich deshalb auch um eine ?Psychopathologie? der Institution Hochschule bem?hen.

Die Psychologie an der Universit?t wird von Vertretern einer Wissenschaftsrichtung beherrscht, die sich am naturwissenschaftlichen Erkenntnisideal orientieren. Sie vertreten ihr Wissenschaftsverst?ndnis, vom Verband der Universit?tspsychologen unterst?tzt, an den Hochschulen nahezu mit einem Monopolanspruch. Sie sorgen daf?r, dass es in der Psychologie einen Wissenschaftspluralismus so gut wie nicht gibt. Die universit?re Stellenvergabe, die Pr?frangs- und Studienordnungen, die Forschungsfinanzierung werden von Vertretern dieser Wissenschaftsrichtung sehr weitgehend festgelegt. Dieses Buch soll aufzeigen, welche fatalen Konsequenzen das f?r das Fach Psychologie hat. Die Kritik, die darin an der Universit?tspsychologie ge?bt wird, m?chte nicht nur auf fragw?rdige Denkformen hinweisen. Sie hat dar?ber hinaus das Ziel, mit aller Deutlichkeit auf einen sozialen Skandal hinzuweisen, der an der Universit?t institutionalisiert ist. Die Kritik an der akademischen Psychologie wird in diesem Buch mit einer umfassenden Auseinandersetzung mit der modernen wissenschaftlichen Rationalit?t verbunden. Eine naturwissenschaftlich gepr?gte instrumentelle Vernunft, die an der Universit?t vorherrscht, zeigt ihre Schattenseiten besonders in einem Gegenstandsbereich, der ihr so wenig angemessen ist wie der der menschlichen Subjektivit?t. Freilich m?sste die Kritik des naturwissenschaftlichen Denkens in dessen eigenem Terrain anders akzentuiert sein und w?rde dort zu weniger eindeutigen Ergebnissen f?hren.

Die Kritik, die hier an der gegenw?rtigen Psychologie ge?bt wird, f?llt radikal aus. Die durch eine ritualisierte Betriebsamkeit verh?llte Krise des Faches Psychologie hat ein solches Ausma? erreicht, dass ein 'goldener Mittelweg' der Kritik der einzige ist, der mit Sicherheit nicht zur notwendigen Ver?nderung f?hrt. Die Radikalit?t, mit der im Fach Psychologie an der Universit?t zumeist ein offenes, unreglementiertes Denken ausgetrieben wird, bringt es mit sich, dass die Wahrheit bis auf weiteres nur in der ?bertreibung zu finden ist.

Mit meinem Text will ich keine wertfreie Wissenschaft liefern. Die vom positivistischen Wissenschaftsverst?ndnis propagierte Trennung zwischen Tatsachenfeststellungen und Bewertungen ist nicht zu halten. Die Analyse geht davon aus, dass unsere Gesellschaft ihre demokratischen Anspr?che ernst nehmen sollte, und fragt, ob z.B. das Selbstbestimmungsrecht der Menschen oder das Recht auf die freie Entfaltung der Pers?nlichkeit in einer ihrer zentralen Bildungsinstitutionen zum Tragen kommt. Meine Kritik will solche Anspr?che entschieden wertend auf das beziehen, was im Rahmen der Universit?tspsychologie veranstaltet wird. Bei meinen Untersuchungen wollte ich mich auch keineswegs, wie vom g?ngigen Wissenschaftsideal gefordert, von Emotionen freihalten. Ich glaube; dass man als Intellektueller zugleich leidenschaftlich und n?chtern denken sollte. Dass die Analyse auch von einem Gef?hl der Wut lebt, soll keineswegs geleugnet werden. Es erf?llt mich mit Zorn, dass an der Universit?t Generationen von Psychologiestudentinnen und -studenten um eine sinnvolle Ausbildung betrogen wurden und dass gegen Versuche, sich dem zu widersetzen, st?ndig massive Hindernisse aufgerichtet wurden und werden. Im Text wird begr?ndet, warum es nicht sinnvoll und m?glich ist, Gef?hle aus dem Wissenschaftsprozess auszugrenzen. Sie sollten vielmehr bewusst und von einer kritischen Selbstreflexion bearbeitet in die Analyse eingehen. Nur dadurch kann diese wirklich lebendig werden.

Anh?nger der etablierten Universit?tspsychologie werden bei der Lekt?re meiner Kritik wahrscheinlich des ?fteren zu dem Ergebnis kommen, dass ich mich mit ihren wissenschaftlichen Anstrengungen unseri?s auseinandersetze, dass ich sie einseitig und verzerrt darstelle. Man wird mir wohl vorwerfen, dass ich sie wegen ideologischer Scheuklappen nicht erfassen kann. Ich gehe aber davon aus, dass die Vertreter der etablierten Psychologie ihre eigene Praxis nicht wirklich begreifen. Nur die Darstellung dieser Praxis aus einer anderen Perspektive als der ihrigen ist nach meiner Ansicht in der Lage, deren geheime, schlimme Wahrheit sichtbar zu machen. Diese Psychologen tun etwas ganz anderes als sie glauben. Man muss ihnen ihre eigene Praxis erkl?ren, die sie nur mit falschem Bewusstsein machen k?nnen. Mein Buch soll ihrer Psychologie die angemessene Melodie vorspielen, in der Hoffnung, die Gewissheiten, auf denen sie fu?t, ins Wanken zu bringen.

Dieses Buch ist in mancher Hinsicht altmodisch. Um einen Horizont der Kritik zu gewinnen, nimmt es uneingel?ste b?rgerliche Emanzipationsversprechungen ernst, wie sie fr?here Epochen hervorgebracht haben, und wendet sie entschieden gegen den bestehenden Universit?tsbetrieb. Es will nicht, auf eine heute modische Art, das Ende des Individuums oder das Scheitern der Aufkl?rung proklamieren. Es sollen vielmehr Anspr?che, die mit derartigen Begriffen verkn?pft worden sind, gegen eine Institution gewendet werden, die einmal angetreten war, ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen. Eine vernunftgeleitete radikale Kritik wird nicht dadurch falsch, dass sie gegenw?rtig nicht allzuviel Macht hinter sich hat, weil sie sich gegen m?chtige gesellschaftliche Tendenzen stellt. Es sollte nicht die Aufgabe des theoretischen Denkens sein, seine eigene Kapitulation vor der ?bermacht des Bestehenden zu rationalisieren. Der von mir gew?hlte Interpretationshorizont bringt freilich die Gefahr mit sich, dass der Eindruck entsteht, ich wolle Begriffe wie den des Subjekts oder den der Vernunft unkritisch festschreiben. Geschichtlich gewordene Begriffe wie diese bed?rfen der permanenten Kritik und Fortentwicklung, die allein ihren weiteren Gebrauch rechtfertigen. In meinem Text kommt dieses Bem?hen manchmal etwas zu kurz, dieses Problem bedarf weiterer Kl?rungen.

Die Krise der Wissenschaft hat mit einer ?bersteigerten wissenschaftlichen Arbeitsteilung zu tun. Diese kann zwar mitunter den Fortschritt in der Erforschung von Detailfragen beg?nstigen, f?hrt aber zugleich zum Realit?tsverlust des theoretischen Denkens, das diesen Namen dann kaum noch verdient. Im Fach Psychologie geraten dadurch soziale Zusammenh?nge aus dem Blickfeld, die durchdrungen werden m?ssen, um der Qualit?t des Psychischen gerecht zu werden. In meinem Text versuche ich deshalb, wenn seine Inhalte es verlangen, mich nicht an bornierte universit?re Fachgrenzen zu fesseln. Er verkn?pft psychologische Einsichten mit philosophischen, soziologischen oder historischen Befunden und bezieht sich auf wissenschaftliche Traditionen, die an umfassenden Analysen interessiert sind. Bei diesem Vorgehen besteht die Gefahr, dass Einsch?tzungen mitunter etwas zu pauschal ausfallen. Dies kann meiner Ansicht nach hingenommen werden, weil es im Text weniger um philologische Detailgenauigkeit als um den Versuch geht, Problembewusstsein zu provozieren und neue Interpretationshorizonte aufzuzeigen.

Der Streitschrift-Charakter des Textes hat auch mit meinen eigenen Erfahrungen als Hochschullehrer zu tun. Er ist auch eine Antwort auf Erfahrungen mit intellektuell nicht legitimierter, autorit?rer b?rokratischer Machtaus?bung, mit der in der Psychologie das Bestehende verteidigt wird. An der Universit?t Bremen habe ich mich lange Jahre um eine andere Psychologie bem?ht. Die schmerzlichen Erfahrungen der Zerst?rung vieler Bem?hungen um eine ?ffnung des Denkens und demokratischere Verkehrsformen zwischen Lernenden und Lehrenden flie?en in den Text mit ein. Bei der Wahl des Hochschullehrerberufs hatte ich, aufgrund meiner Studienerfahrungen au?erhalb der Psychologie, den Wunsch, eine liberale, weltoffene b?rgerliche Universit?tstradition, deren letzte Bl?te meine Frankfurter Lehrer verk?rperten, mit den demokratischen, egalit?ren Elementen der 68er Studentenbewegung zu verkn?pfen. Bei diesem Anspruch hatte ich von Anfang an gro?e Schwierigkeiten mit der intellektuellen und menschlichen Kleinkariertheit, die in psychologischen Studieng?ngen und anderswo an der Universit?t produziert wird. Mein Buch lebt von dem Bem?hen, auch mir selbst diese Beschr?nktheit zu erkl?ren und dadurch eine Identit?t als kritischer Intellektueller zu bewahren.

Auch wenn das nicht immer offen zum Ausdruck kommen mag, ist das Unbehagen an der akademischen Psychologie wie an der bestehenden Universit?t insgesamt heute sehr verbreitet. Es gibt wohl kaum noch Studierende des Faches Psychologie, die ihr Studium als Medium der Befreiung erfahren, das helfen k?nnte, sich lebendig und kritisch mit anderen Menschen und eigenen psychologischen Problematiken auseinanderzusetzen. Das Studium wird vor allem als ein permanenter Initiationsritus erfahren, den man hinter sich bringen muss, um bestimmte berufliche Berechtigungsscheine zu erlangen. Studentische Streiks Ende der 80er Jahre aber haben gezeigt, dass bei Studierenden nicht nur Anpassungsbereitschaft, sondern auch ein verborgenes Bed?rfnis nach Ver?nderung verbreitet ist. Die lustlose, leere Routine, der viele Wissenschaftler verfallen sind, weist darauf hin, dass auch sie an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns geheime Zweifel hegen. Dieses Unbehagen k?nnte die Chance in sich tragen, eine andere Gestalt anzunehmen und sich in eine angemessene theoretische und praktische Kritik zu verwandeln. Das Buch richtet sich an Wissenschaftler und Studierende, die ihr Leiden an der Universit?t besser begreifen m?chten und den Willen haben, durch soziales Handeln an seiner ?berwindung zu arbeiten.

(Zitatende)




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