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Geschrieben von 9-klug am 10.12.2007 um 13:17:

Was ist moralische Verantwortung

Guten Tag !

Hier soll gekl?rt werden, was moralische Verantwortung eigentlich bedeutet. Dieses Forum tr?gt diesen Titel und deshalb halte ich es f?r sehr wichtig, dass man sich darum gedanken macht, damit dies keine leere Spruchformel bleibt. K?rzlich bin ich auf einen sehr interessanten Text gesto?en, der diese Thematik beinhaltet, und meiner Meinung sehr gut trifft. Autor ist Miguel de Unamuno, der auf der Seite http://www.spanischlehrbuch.de/uebungen/level3_hoerverstaendnis/kurzgeschichten/unamuno/unamuno_inhaltsverzeichnis.htm folgenderma?en beschrieben wird:

Miguel de Unamuno (1864-1936) ist einer der einflu?reichsten spanischen Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts. Geboren wurde er in Bilbao, ist also Baske. Er studiert in Madrid und schlie?t sein Studium mit einer Doktorarbeit ?ber die Basken ab (Cr?tica del problema sobre el origen y prehistoria de la raza vasca). Nach einem kurzen Aufenthalt in seiner Heimatstadt Bilbao und Heirat, wird er 1891 Professor f?r Griechisch und Spanisch an der Universit?t von Salamanca. Von 1901 bis 1914 und von 1934 bis zu seinem Tode im Jahre 1936 ist er Rektor dieser Universit?t. 1914 wird er aufgrund seiner Stellungnahme zu Gunsten der Allierten seines Postens als Direktor der Universit?t enthoben. 6 Jahre sp?ter wird er aufgrund kritischer ?u?erungen ?ber Alfons XIII nach Fuerteventura verbannt. 1931, nach einem kurzen Aufenthalt in Paris, erlauben es ihm die ver?nderten politischen Verh?ltnisse, Spanien wird Repunblik, nach Salamanca zur?ckzukehren, wo er wieder Rektor der Universit?t wird.

In seinem Text Mi religi?n

http://www.spanischlehrbuch.de/uebungen/level3_hoerverstaendnis/kurzgeschichten/unamuno/seite1/erster_teil.htm und folgende

geht er ziemlich genau auf moralische Problematiken ein.

Seine Hauptaussage ist, dass man immer f?r seine Wahrheit k?mpfen solle, obgleich es aussichtslos erscheine, was er unter anderem so aussagt:
"Meine Religion ist es, die Wahrheit im Leben zu suchen und das Leben in der Wahrheit und zwar auch dann, wenn ich wei?, dass ich sie zu Lebzeiten nicht finden werde. Meine Religion ist es, unaufh?rlich und unerm?dlich mit dem Mysterium zu k?mpfen. Meine Religion ist es, mit Gott zu k?mpfen, vom Morgengrauen an bis zum Einbruch der Nacht, ganz so wie Jakob mit Ihm k?mpfte."

Und ich finde es ist genau das was unserer Gesellschaft mangelt, n?mlich Leute die k?mpfen statt mit dem Strom zu schwimmen!


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Mit freundlichen Gr??en Ricardo Steglich

Wissen ist nicht das bibelartige Lernen von Erkenntnissen, sondern das (Wieder) erfinden von Sachverhalten. So viele K?pfe so viele Meinungen - und das ist auch gut so -


Geschrieben von Jocelyne Lopez am 10.12.2007 um 16:49:

Re: Was ist moralische Verantwortung


Zitat:

9-klug schrieb am 10.12.2007 13:17 Uhr:

Seine Hauptaussage ist, dass man immer f?r seine Wahrheit k?mpfen solle, obgleich es aussichtslos erscheine, was er unter anderem so aussagt:

"Meine Religion ist es, die Wahrheit im Leben zu suchen und das Leben in der Wahrheit und zwar auch dann, wenn ich wei?, dass ich sie zu Lebzeiten nicht finden werde. Meine Religion ist es, unaufh?rlich und unerm?dlich mit dem Mysterium zu k?mpfen. Meine Religion ist es, mit Gott zu k?mpfen, vom Morgengrauen an bis zum Einbruch der Nacht, ganz so wie Jakob mit Ihm k?mpfte."

Und ich finde es ist genau das was unserer Gesellschaft mangelt, n?mlich Leute die k?mpfen statt mit dem Strom zu schwimmen!



Genau, das finde ich auch.
Wo findet man zum Beispiel in Deutschland die Intellektuellen, die k?mpfen, statt mit dem Strom zu schwimmen? Wo leben uns Intellektuellen was vor? Moralische Verantwortung hei?t nicht dar?ber zu reden, es hei?t danach zu handeln. Wo sind die Intellektuelle, die danach handeln? Ich h?tte sie gerne mal entdeckt. Sie verkriechen sich wohl in ihren Unis und offenbaren ihr Wissen, ihre Weisheiten und ihre Wahrheiten sch?n bequem, gesch?tzt und blo? unverbindlich vor ihren Studenten - die sie wiederum vor ihren Studenten offenbaren werden. Toll. Die Geisteswissenschaften sind tot. Requiesce in pacem. Wir werden ohne sie auskommen m?ssen.

Folgende Aussagen aus Deinem Link zu Miguel de Unamuno finde ich beachtenswert, sie beschreiben zum Beispiel m.E. treffend die Umst?nde in den zwei Bereichen, wo ich mich seit ca. 4 Jahren gesellschaftlich pers?nlich engagiere (f?r die Kritik der Relativit?tstheorie und gegen die Tierversuche) und ich kann mich auf jeden Fall damit identifizieren:


Zitat:

Zitat Miguel de Unamuno:

Sowohl geistig tr?ge Individuen wie auch geistig tr?ge V?lker, und geistige Tr?gheit kann sich gut mit einer fruchtbaren wirtschaftlichen T?tigkeit und anderen ?hnlichen Aktivit?ten vereinbaren, neigen zum Dogmatismus, ob sie das nun wissen oder nicht, ob sie das wollen oder nicht, ob sie sich das vornehmen oder nicht vornehmen.

Die Faulheit des Geistes flieht vor jedem skeptischen oder kritischen Standpunkt. Ich sage skeptisch, aber ich verwende das Wort Skeptizismus im etymologischen und philosophischen Sinn, denn skeptisch ist nicht der, der zweifelt, sondern der, der untersucht und forscht, im Gegensatz zu dem, der etwas behauptet und der Meinung ist, er wisse Bescheid.

Es gibt Leute, die ein Problem untersuchen, und es gibt diejenigen, die uns eine Formel liefern, dies mag falsch oder richtig sein, und diese als die L?sung ansehen. Im Rahmen einer philosophischen ?berlegung, ist es ?berst?rzt von jemandem zu verlangen, dass er fertige L?sungen liefert, wenn er lediglich die Darstellung eines Problems vorantreibt.

Bei der fehlerhaften Durchf?hrung einer l?ngeren Berechnung bedeutet das Ausradieren des bereits Gemachten und der komplette Neuanfang einen nicht kleinen Fortschritt.

Wenn ein Haus zur Ruine oder v?llig unbewohnbar geworden ist, ist es sinnvoll, es niederzurei?en, es macht dann keinen Sinn, auf diesem Haus noch eines zu errichten. Sinnvoll kann h?chstens sein, f?r den Bau des neuen Hauses das Material des alten zu verwenden, aber erst nachdem das erste zerst?rt worden ist. W?hrend dessen k?nnen die Leute in einer Barracke hausen, oder, wenn es kein anderes Haus gibt, auf dem freien Feld schlafen.

Man sollte auch nicht aus den Augen verlieren, dass wir uns f?r die Gestaltung unseres Lebens nur selten auf gesicherte wissenschaftliche Kenntnisse st?zen d?rfen. Die Menschen lebten und leben gest?tzt auf Hypothesen und zerbrechlichen Erkl?rungen, oder auch ohne diese.
[...]
Ich kann weder auf das Unerkennbare eingehen, oder Unvorstellbare, wie die Pedanten schreiben, noch mit dem "hier wirst du nicht vorbei kommen" einverstanden sein.

Und ich will diesen Kampf k?mpfen, ohne mich um den Sieg zu k?mmern.

Gibt es nicht Heere und V?lker, die der sicheren Niederlage entgegenziehen? Loben wir nicht jene, die sich lieber t?ten lie?en, als sich zu ergeben? Das ist meine Religion. Diejenigen, die mich das fragen, wollen, dass ich ihnen ein Dogma gebe, eine L?sung, in der ihr tr?ger Geist ruhen kann. Und nicht einmal das wollen sie, sondern sie wollen mich vielmehr in eine Schublade stecken und mich mit dem Raster erfassen, dem sie die Geister zuordnen, damit sie dann von mir sagen k?nnen: Er ist Lutheraner, er ist Calvinist, er ist Katholik, er ist Atheist, er ist Rationalist, er ist Mysthiker oder irgend ein anderes dieser Schlagw?rter, dessen genaue Bedeutung sie nicht kennen, das sie aber der Notwendigkeit enthebt, nachzudenken. Und ich lasse mich nicht in eine Schublade stecken, denn ich, Miguel de Unamuno, wie jeder andere Mensch, der nach dem vollst?ndigen Bewu?tsein seiner selbst strebt, bin einzigartig.



Liebe Gr??e
Jocelyne Lopez


Geschrieben von 9-klug am 11.12.2007 um 17:11:

Re: Was ist moralische Verantwortung

Einige besondere Zitate finde ich in diesem Zusammenhang noch sehr nennenswert. Ein guter Freund hat mir mal gesagt, dass sein Opa immer behauptet: Wenn du fr?h morgens aufstehst und sp?rst keinen Knochen der dir schmerzt, dann wei?t du, dass du tot bist
Ich finde es einen sehr tollen Ausspruch, da ausgesagt wird, dass erst unsere Abenteuer uns lebendig machen.

Dann will ich noch auf Cervantes hinweisen, derjenige der Don Quijote erfunden hat und sogar auf der spanischen 50 Cent M?nze abgebildet ist. Auch Miguel de Unamuno war ein Kenner von Cervantes. Dieser Cervantes hat n?mlich neben seinem gro?en Werk mit Sancho Panza und Don Quijote auch ein anderes Geschichtlein geschrieben, n?mlich Rinconete y Cortadillo, ein pr?chtiges B?chlein was sehr lesenswert ist. Dort geht es auch sehr intensiv um Werte und moralische Verantwortung. Eine zentrale Aussage ist: ! Como si tuviese m?s letras un no que un s? !
Dies bedeutet im Deutschen nach Friedrich Bralitz etwa: Ein Nein hat doch nicht mehr Silben als ein Ja ! Eine wunderbare Aussage, die den Kern des nicht nach dem Strom schwimmens voll trifft.
Wenn man sich n?her mit unter anderem solchen Fragen besch?ftigen will, muss man das einfach lesen. Aber Vorsicht ist geboten : Der der der spanischen Sprache nicht 100 %ig gewappnet ist, sollte immer eine deutsche Erl?uterung parat haben, da die seitenlangen S?tze super un?bersichtlich sind, der vom Autor eingef?hrte Dialekt kaum nachvollziehbar ist und die vom Autor vorgenommenen Wortver?nderungen f?r einen nichtmuttersprachler keinen Sinn ergeben. Au?erdem m?sste man zu allem ?berfluss gute Lateinkenntnisse mitbringen. Der Text ist nun bald auch schon 500 Jahre alt, was umso bemerkenswerter ist, dass er uns noch so viel geben kann. Das Ende ist meiner Meinung so ... aber lesen sie selbst

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Mit freundlichen Gr??en Ricardo Steglich

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Geschrieben von Gerhard Kemme am 15.07.2008 um 23:28:

Re: Was ist moralische Verantwortung

Guten Abend!

Die K?mpfer sind vermutlich in der Klinik. Es ist immer sehr viel einfacher, sich mit einer Masse Gleichgesinnter f?r Unsinn einzusetzen, als mit einer Gruppe Intellektueller f?r eine argumentativ schwierige Wahrheit gegen den Strom zu schwimmen. Will man die Lehre, welche nach ?berzeugung einer Gruppe von Leuten richtig ist, verbreiten und durchsetzen, so wird man um konspirative Regeln nicht herum kommen, ansonsten finden massive St?rungen statt. Man braucht dann Geld, ein Konzept, welches oftmals Zuverl?ssigkeitsstufen und st?ndige ?berpr?fung der Gesinnung der Gruppenmitglieder umfasst. Und Mensch ist Mensch, letzten Endes wird jeder dann auch seine ganz pers?nlichen Interessen einbringen, die eine solche Gemeinschaft der Intellektuellen befriedigen muss. Zum Schluss wird das dann eine Art von M?nchsorden, die ?ber verschiedene "Kl?ster" oder Anwesen verf?gen. All dies wird dann nicht nur von den wissenschaftlichen Gegnern, sondern auch von allen sonstigen (Geheim-)Diensten argw?hnisch beobachtet, d.h. da wird immer jemand sein, der bei Versammlungen gerne mith?ren w?rde oder sich als Partner f?r ein Gruppenmitglied anbietet.

Einfacher h?tte es der intellektuelle Einzelk?mpfer, der wie Luther sein "Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir Amen" ruft. Das w?re dann fast ein Prophetenweg.

Der Weg sich moralisch verantwortlich f?hlender Intellektueller wird irgendwo in der Mitte liegen und seine Wirkung ?ber Permanenz und Hartn?ckigkeit und Willensst?rke entfalten.

MfG Gerhard Kemme

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"Eine Menge ist eine Zusammenfassung bestimmter, wohlunterschiedlicher Dinge unserer Anschauung oder unseres Denkens, welche Elemente der Menge genannt werden, zu einem Ganzen."
Nach Georg Cantor (1845 - 191cool

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